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Aachen: Musical-Ensemble nimmt Theaterleben auf die Schippe: „Kiss me, Kate”

Aachen : Musical-Ensemble nimmt Theaterleben auf die Schippe: „Kiss me, Kate”

Die Zeit ohne Musicals am Theater Aachen hat ein Ende. Nach drei Spielzeiten Musical-Abstinenz steht wieder ein Stück dieses Genres auf dem Spielplan des Großen Hauses.

Der Evergreen-Klassiker „Kiss me, Kate” von Cole Porter, uraufgeführt 1948 in New York, feierte am Samstag unter der musikalischen Leitung von Jeremy Hulin in einer Inszenierung von Generalintendant Paul Esterhazy eine kurzweilige Premiere mit Ecken und Kanten, großen Highlights und kleinen Problempunkten.


Wer sich in Aachen „Kiss me, Kate” anschauen möchte, sollte seine Erwartungshaltung auf das konzentrieren, was dieses Musical nun einmal ist: leichte Muse ohne den Anspruch auf psychologischen Tiefgang.

In diesem Sinne verläuft auch Paul Esterhazys Regiearbeit. Es ist ihm nicht zu verübeln, dass er das Libretto großzügig aktualisiert und kräftige Seitenhiebe austeilt in alle Richtungen.

Er erweitert das ursprüngliche Stück, das sich um Liebe und Hiebe während einer Premierenaufführung von Shakespeares „Widerspenstigen Zähmung” dreht, um eine weitere Handlungsebene: um die aktuelle Situation des „normalen Wahnsinns” am Aachener Theater.

Pia Janssen liefert zu diesem Zweck einen der vielen Clous des Abends: Eine exakte Kopie des Spiegelfoyers steht auf der Bühne.

In diesem Ambiente zieht das Ensemble kräftig vom Leder, spielt zum Teil sich selbst, stöhnt über die lokale Kulturpolitik und tut vor allem eins: das Theaterleben auf die Schippe nehmen. Und auch das Publikum bekommt sein Fett ab, indem Renate Schwietert süffisant demonstriert, wie „schön hässlich” historische Kostüme sein können.

Einziger, aber nicht unerheblicher Knackpunkt der witzig chaotischen Inszenierung ist die Textunverständlichkeit. Jeremy Hulin holt zwar einen schwungvollen Jazz- Sound aus dem Orchester heraus, lässt jedoch auch oft zu laut aufspielen.

Viele Gags werden zudem genuschelt und zu schnell gesprochen. Wie durch Sprechkultur Pointen herausgekitzelt werden können, zeigt Heino Cohrs in seiner hinreißend verschmitzt akzentuierten Darstellung des schwerreichen Harrison Howell, der sich von „Joschi” Fischer als „Wiederholungstäter” telefonisch Tipps für sein Eheleben geben lässt.

Zu den Publikumslieblingen gehört verdientermaßen Kristina Totzek als Glamour-Sternchen Lois Lane. Ihr klassisch geschulter Sopran besitzt neben naiv zielstrebigem Sexappeal die Stimm-Power einer Rock-Röhre - eine Idealkombinati-on für diese Partie.

Ihrer Leistung ebenbürtig ist Andreas Joost in der Rolle des zockenden, rockigen Bill Calhoun. Mit selbstbewusstem Charme und swingendem Rhythmus im Blut avanciert sein „Es ist viel zu heiß” zu einer tänzerischen und sängerischen Glanznummer.

Zwei Ganoven garantieren Lacher

Neben diesem grandiosen „Buffo-Paar” haben es die beiden Hauptdarsteller schwer. Hans Lydman als Intendant, Regisseur und verkappter Shakespearemime Fred Graham singt wunderschön, engagiert und ausdrucksstark. Der schauspieleri-sche Anteil seiner Rolle will jedoch noch nicht so recht zünden.

Die Diva Lilli Vanessi gibt Gundula Peyerl stimmlich souverän und tadellos, doch auch hier wäre in der Darstellung ein Ausbau des leiden-schaftlich knisternden Aspekts wünschenswert.

Als ein Besetzungsknüller für die beiden Ganoven, die unfreiwillig als Shakespeare-Komparsen agieren müssen, stellt sich die Verpflichtung der Strunx-Karnevalisten Manfred Hammers und Rudi Zins dar.

Auch wenn das Singen nicht unbedingt ihre Stärke ist...: „Herr Zins” als Edelmafioso im ständigen Kampf mit den harten Aachener Printen und „Herr Hammers” als öchernder Proll-Typ im Polyester-Jogging-Anzug garantieren die Lacher im Publikum und liefern „interessant” kombinierte Definitionen zum Thema „Swinger-Club” und „Nudelsalat”.

Willy Schell als Babtista, sowie Jaroslaw Sielicki und Hans Schaap-kens in den kleineren Rollen des Gremio und des Hortensio sind ebenfalls spielfreudige und enga-gierte Mitstreiter im restlichen Ensemble.

Der Schlussapplaus zu einem Medley der peppigen Porter-Songs fiel zustimmend, zum Teil jubelnd aus. Beim Auftritt des Regieteams wirkte er etwas unentschlossen.