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Aachen: Mozarts Oper „Mitridate”: Wo Herrschaft zerstörerisch wirkt

Aachen : Mozarts Oper „Mitridate”: Wo Herrschaft zerstörerisch wirkt

Wenn irgendwo in der Opernwelt im Zusammenhang mit Wolfgang Amadeus Mozarts vier spannungsgeladenen Opern „Mitridate, re di Ponto (1770), „Lucio Silla” (1772), „Idomeneo” (1781) und „La clemenza di Tito” (1791) in Zukunft der Begriff „Herrscherdramen I-IV” auftauchen sollte, dann stammt er aus Aachen und ist in Zusammenarbeit mit dem Theater Freiburg entwickelt worden.

„Es war unsere Erfindung, als wir beschlossen haben, einen Zyklus zu schmieden”, verrät Aachens Musikdramaturg Kai Weßler, der zusammen mit seinem Freiburger Kollegen Andri Hardtmeier Chefregisseur Ludger Engels bei einem Inszenierungsprojekt unterstützt, das beide Häuser mindestens bis 2011 beschäftigen und verbinden wird.

Warum ausgerechnet die „Achse” Aachen-Freiburg? Hier spielen Kontakte von Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck aus seiner Vor-Aachen-Zeit in Luzern eine Rolle, unter anderem mit Barbara Mundel, die heute Intendantin in Freiburg ist.

„Es war die Idee, diese vier Opern einmal in einer Gesamtsicht auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten zu erarbeiten”, so Engels. „Dabei finden die Premieren jeweils abwechselnd in Aachen und Freiburg statt.”

Nach „Idomeneo” (Premiere in Freiburg) kommt am kommenden Samstag, 13. Oktober, 19.30 Uhr, nun „Mitridate, re di Ponto” im Großen Haus des Aachener Theaters auf die Bühne. Komponiert hat Mozart das noch ganz von der Tradition der Barockoper geprägte Werk im Alter von nur 14 Jahren. „Aber viele Elemente weisen schon auf den späteren, reifen Mozart hin, das ist erstaunlich”, so Engels, der die Freude, aber auch Problematik erlebt, diese Opern jeweils zweimal, allerdings mit wechselnden Ensembles, zu inszenieren.

„Es ist faszinierend, wie sich ein Konzept verändern kann, weil man für ein und dieselbe Rolle unterschiedliche Menschen findet, die sie ausfüllen.” Im Laufe der Zeit können hier sogar Korrekturen im Gesamtkonzept vorgenommen werden: Soll man nachschärfen? Soll etwas abgeschwächt werden?

Verbindendes und Trennendes analysiert Engels auch in den Vorlagen, die Mozart umgesetzt hat. „Alle vier Stücke erzählen von einem Herrscher, es sind Psychogramme dieses Menschen, die zum Beispiel zeigen, dass Grausamkeit und Brutalität selbst vor Frau und Kindern nicht Halt machen”, sagt Engels. Wie verändern Macht und Herrschertum den Menschen? Was wird aus den Familien, wie entwickeln sich Kinder in dieser Abhängigkeit?

„Eine weitere Facette des Herrschertums ist das Misstrauen, der Verfolgungswahn”, so Engels. „Mitridate ist ja im Grunde ein Verlierer, er weiß um die Bedrohung.”

Bei den Söhnen kulminiert die Situation der politischen Zwangslage: Die Politik des Vaters auf Biegen und Brechen fortführen oder diplomatisch eine Allianz mit den Römern akzeptieren, aber dabei Selbstständigkeit einbüßen? Hinzu kommt, dass beide Söhne mit Aspania auch noch dieselbe Frau begehren. „Heiraten war ja in dieser Welt auch etwas Politisches”, so Weßler. Aspania würde schließlich ein weiteres Land in die Ehe mitbringen. „Das Libretto eignet sich durchaus für eine Soap”, schmunzelt Engels.

„Aber es geht eben um die zutiefst menschlichen Dinge des Lebens.”

Und dazu gehören gleichfalls die rein praktischen Seiten der Herrscherdramen-Kooperation. Obwohl sich die Häuser Aachen und Freiburg gut verstehen, gibt es Unterschiede im Raum. „Die Bühne in Freiburg ist einen Meter breiter als in Aachen”, berichtet Andri Hardtmeier.

Die Folge: Das Portal wird zweifach gebaut, doch der dahinter liegende „Marmorsaal” kann beiderseits verwendet werden. Praktisch ist die gemeinsame Fertigung von Kostümen, die Zusammenarbeit der Technikteams und bei der Werkstätten, die sich zum Beispiel ergänzen konnten, als es darum ging, die Illusion des Marmors besonders treffend auf Holzwände zu zaubern.

Nach „Titus”, „Idomeneo” und „Mitridate” (Freiburg 2008) bildet „Lucio Silla” (Oktober 2008 in Freiburg, Frühjahr 2009 Aachen) den Abschluss. Die Krönung der „Herrscherdramen” wird 2010 der Opern-Marathon mit allen vier Aufführungen in Folge in Aachen und 2011 in Freiburg sein.