„Momentum“ von Lot Vekemans im Theater Aachen

Neues Stück : Aufreibender Blick hinter die Kulissen der Politik

Emotionen und Klischees: „Momentum“, das neue Drama der niederländischen Autorin Lot Vekemans, in der Kammer des Aachener Theaters

Lot Vekemans’ „Momentum“ möchte ein Drama aus der knallharten Welt der Politik sein. Es geht um Macht und darum, was man bereit ist aufzugeben. Für das Erlangen dieser Macht, aber auch für eine Beziehung. Das Problem sind die klischeehaften Elemente, die auch aus einem ARD-Fernsehfilm stammen könnten: eine geheime Affäre, ein daraus entstandenes (totgeborenes) Kind, ein dramatischer Höhepunkt im Angesicht des Todes, ein versöhnliches Happy End. Politik und Presse, die so enormen Druck auf das Staatsoberhaupt Meinrad Hofmann (Jonas Eckert) ausüben, bleiben in der Kammer des Aachener Theaters hinter drehbaren Paneelen nicht nur thematisch im Hintergrund (Bühne und Kostüm: Vesna Hiltmann).

Jenke Nordalm inszeniert den Text der niederländischen Autorin um Ebba Hofmann (Stefanie Rösner), der starken Frau hinter einem mächtigen Politiker, emotional und aufreibend, als Drama um Schuldigkeit, Aufopferung, Wünsche und Enttäuschung. Nur Tage vor der Abstimmung über den Verbleib in seiner Position als Parteivorstand denkt der lädierte, nur mit Tabletten halbwegs funktionierende Meinrad ans Aufgeben. Ebba versucht mit allen Mitteln, ihn bei der Stange zu halten.

Handlungsschlenker – unter anderem stellt sich heraus, dass Ebbas Ex-Liebhaber Meinrads Berater ist, der sie noch immer liebt – werden erfreulich schnell abgehandelt. Nordalm zieht die Spannung ihrer 100 Minuten dauernden Inszenierung aus der Konzentration auf Ebba und ihr Machtstreben, Meinrad gerät geradezu zur Nebenfigur.

Erst im Verlauf des Stücks erfährt der Zuschauer und auch Meinrad, was Ebba für den Erfolg ihres Mannes aufgegeben hat. In hautfarbenen Leggings und übergroßem Hemd betritt immer wieder Ebbas vor Jahren totgeborener Sohn Duk (Elisabeth Ebeling) die Bühne, sichtbar nur für Ebba, die ihre kurze Schwangerschaft für sich behalten hat. Als surrealer Quälgeist traktiert Duk Ebba mit ihren unterdrückten Ängsten, dem schlechten Gewissen und den Zweifeln, die ihre Lebensentscheidungen ihr bereiten.

Die 73-jährige Ebeling vereint gekonnt den Trotz des Jungen, der inzwischen zehn wäre, und die Vorwürfe, die sich Ebba macht. Rösner verkörpert die eloquente, elegante Politikergattin energisch und tough. Gegenüber Meinrad, der mehr und mehr in sich zusammenfällt, lässt sie Ebba als die Rationale, Disziplinierte, Ehrgeizige dastehen – bis diese von Meinrads Depressionen erfährt. Im Zusammenspiel mit Eckert übernimmt sie stellenweise dessen etwas atemlose Darstellung von Emotion. Eckert heult, schreit, ist niedergeschlagen, wirkt dabei aber etwas gehetzt. Torsten Borm wird der Eindringlichkeit des Politberaters gerecht: Mit sonorer Stimme und überzeugendem Zorn lässt er den „Spin Doctor“ versuchen, Meinrad mit psychologischen Tricks vom Weitermachen zu überzeugen.

Und dann ist da noch Ekram Lindner (Tommy Wiesner), ein junger Dichter, der Texte für Meinrads Auftritte schreiben soll, aber – wie es sich für seine Generation zu gehören scheint – vor lauter Möglichkeiten in nichts eine Notwendigkeit findet. Wiesner verkörpert den Protegé Ebbas wechselnd mit leerem Blick und Süffisanz. Aus ihrer jeweiligen Misere erwachen die Charaktere erst, als Ebba nach einer Überdosis Pillen im Koma liegt.