Moers: Moers Festival: Das Pfingsten der Carla Bley

Moers: Moers Festival: Das Pfingsten der Carla Bley

Künstler, die Moers auftreten, können ziemlich sicher mit einem kräftigen Applaus rechnen. Das Publikum belohnt damit die Leistung, die Kreativität und oft auch den Mut, etwas Ungewöhnliches zu versuchen, bekannte Pfade zu meiden.

Manchmal jedoch will der Applaus kaum aufhören. Das war in diesem Jahr nur wenige Male der Fall. Doch diese Darbietungen gehörten zum Besten, was Moers - immer wieder mal - zu bieten hat. Dieses Jahr war es Carla Bley, die sich hier verewigt hat.

Bei aller Ungerechtigkeit, die in der Zusammenschau von drei Tagen Musik liegt, die von rund 13.000 Zuschauern besucht wurden: An diesen Pfingsttagen ging man etwas öfter als sonst mit einem „nun ja”-Gefühl in die Pausen zwischen den insgesamt 20 halb- bis einstündigen Konzerten. Interessante Ansätze waren dabei, aber auch so manche angestrengte Sucherei, die erst dann so recht auffällt, wenn man bei anderen Formationen spüren kann, wie viel Substanz in ihrer Musik steckt.

Zu den substanzielleren Beiträgen gehören die größeren Formationen, zumal die Neuentdeckungen wie die französische Gruppe Radiation oder das New Yorker Andrew N DAngelo DNA Orchestra. Aber fraglos auch das junge Kölner Duo Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel in der so seltenen Kombination Bass-Schlagzeug. Ihr hochkomplexes und intim verschränktes Zusammenspiel hat es allerdings in der Umgebung eines riesigen Zeltes naturgemäß schwerer, die Spannung auf Dauerhoch zu halten als in einer dichten Clubatmosphäre.

Die Aura des wenigen ganz Besonderen verströmte, was der Trompeter Peter Evans, der Saxofonist Evan Parker und ihre Gruppe „Rocket Science” machten. Souveräne Abstraktion, Free-Jazz-Elemente, kein Gebrauch extremer instrumenteller Techniken. Dafür eine große Ruhe, das Wissen um Pausen - viele junge Musiker spielen zu viele Noten - und in jedem Moment das Gefühl völliger Kontrolle um das musikalische Geschehen, aber ohne jede Kopflastigkeit.

Das gilt in wiewohl noch viel berührender Weise für den ersten Auftritt von Carla Bley in Moers. Als Pianistin trat die 74- oder 76-Jährige, das lässt sie offen, am Freitag im Trio mit ihrem musikalischen und langjährigen Lebensgefährten Steve Swallow am Bass und dem Saxofonisten Andy Sheppard im Trio auf. Zunächst Salonmusik auf höchstem Niveau. Und dann die Zugabe: Eine Ballade, die Ton um Ton das Publikum innerlich auf die Knie sinken lässt.

Auf eine ganz andere Weise großartig am Pfingstsonntagabend die Welturaufführung ihres opus magnum „La Lecon Française”. Eine Art Oratorium von gut 40 Minuten Dauer mit 80 Musikern, das in der, wie üblich bei ihr, so ernsthaften wie zugleich komischen Sicht Carla Bleys die Bemühungen einer englischen Schulklasse in Musik fasst, die ersten Übungen in französischer Sprache zu machen. Alle Deutungen dieses Plots muss man auf später verschieben.

Während die von der schwedischen Bohuslän Big Band gespielten Jazzteile kompositorisch eine Art Summe des Bleyschen Oevres quer durch alle Jazzstile bieten, liegt die eigentlich staunenswerte Raffinesse in den zum Teil bachchoralartigen Sentenzen, die sie für den Knabenchor geschrieben hat.

Absolut begeisternd aber, offenkundig auch für die so spindeldürre wie scheue Komponistin, die Leistung des „Dortmund Choral Academy Boys Choir”, der eben diese Schulklasse mimte.

Das Moers Festival wird es, allen düsteren Prognosen zum Trotz, auch Pfingsten 2013 wieder geben.