Mörderisches im Ludwig Forum Aachen

Theater K: Mörderisches im Ludwig Forum

Aachen Was? Eine Museumsführung? Jetzt? Mit dem Theaterticket in der Hand schaut sich so mancher Besucher der Premiere von Thea Dorns Stück „Nike“ unwillig nach den Sitzplätzen um. Stimmkräftig begrüßt Kyra, die Museumsführerin, die drängelnde Gruppe, fragt immer wieder: „Sehen Sie gut?“.

Anna Scholten schafft das so echt, dass man zunächst denkt, man hätte die schlanke, streng frisierte Frau im dunkelblauen Kostüm beim Team des Aachener Ludwig Forums ausgeliehen: Das Theater K inmitten von moderner Kunst, der (echte) Wachdienst ist nicht ganz so begeistert, die Zuschauer sind es schon.

In der Inszenierung von Agma Formanns nimmt das Stück der scharfsinnigen Autorin, Jahrgang 1970, Fahrt auf. 2001 hatte „Nike“ in Hannover seine Uraufführung. Eine Serienmörderin wird im Museum ausgestellt und rundum begafft wie einst die bedauernswerte Julia Pastrana. Auf dem Programmblatt wird eine Beziehung zur Stückidee und zu ihr, der Kreolin (1832-1860), geknüpft, die von einem skrupellosen Geschäftemacher in Europa und Amerika in Freak-Shows als „Affenfrau“ ausgestellt wurde.

Wie eine murmelnde Pythia sitzt Mona  Creutzer als mörderisches Ausstellungsstück in einem Drehsessel, goldene Stiefel, ein helles fließenden Kleid, lockeres Haar, löchriges Strickzeug – das „Weben des Schicksals“? Agma Formanns lässt Raum für Assoziationen, mehr noch, sie verwandelt Thea Dorns subtile Analyse in Fleisch und Blut. Allzu empfindlich sollte man nicht sein, Blut, Messer, Infos zu Tötungstechniken, ein Gehirn auf dem Tablett – alles da.

Zunächst scheinbar unbeteiligt, zitiert Nike aus der griechischen Mythologie, die Grausliches zu bieten hat. Sexuelle Lust, die durch Gewalt erweckt wird und nur so ihren Höhepunkt erreicht, wird von denen, die das Objekt umkreisen, strikt geleugnet. Mona Creutzers Nike sorgt für Unbehagen, obwohl sie sich zunächst kaum bewegt und von Mary-Ann Berger (Security) mit bösen Spottliedchen genervt wird. Nike schaut, und ihre Blicke werden tiefer, eisiger, wissender, blutrünstiger. Von ihr gehen Schwingungen aus, die in der verkrampften Kyra, ihrem flapsigen Freund Andy (Jochen Deuticke) und dem zunächst sehr bieder erscheinenden Franz (Martin Päthel) unerwartete Verhaltensweisen an die Oberfläche locken, sie verführen und vernichten.

Ein spannender Prozess, in dem sich die Personen selbst sezieren. Da lebt die mystische Mörderin auf, saugt Energie aus dem Auflösungsprozess der anderen Charaktere. Jochen Deutickes Andy ist ein Macho, der schnell das Weite sucht, wenn Frauen rumzicken, also im Bett auch mal nur kuscheln wollen. Martin Päthel gelingt der Balanceakt zwischen Komik und Tragik. Sein Franz will sich von Nike meucheln lassen, weil er das Leben als Witwer nicht erträgt – Nikes Geist weckt in ihm neue Lebensgier mit einem Appetit auf Sexpraktiken, die er sich bisher nie vorstellen konnte. Der sanfte, dickliche Rentner wird gewalttätig.

Inzwischen träumt die kühl-beherrschte Kyra vom Sex mit einer Leiche und schreit ihren Frust schrill heraus. Na bitte, Nikes Macht wächst, je mehr inneres und äußeres Chaos anschwellen. Als sie die Sicherheitsabsperrung hinter sich lässt, ist das ein unheimlicher Moment. Stolz und gelassen schreitet sie durch die Museumshalle in die Welt. Nike bleibt eben Siegesgöttin.

Ein spannendes Stück in perfekter Umgebung, treffend umgesetzt von Regie und Ensemble. Beunruhigende Theaterkost.

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