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Theater K: Mitdenken gefragt: „Die Irre von Chaillot“

Theater K : Mitdenken gefragt: „Die Irre von Chaillot“

Ganz schön schräg! Mit seiner neuen Inszenierung im Tuchwerk wagt das Aachener Theater K einen skurrilen Vorschlag zur Rettung der Welt: Jean Giraudoux hat die Uraufführung seines bitterbösen Stücks „Die Irre von Chaillot“ in Paris 1945 nicht mehr erlebt.

Er starb 1944 unter fragwürdigen Umständen – hatte die Gestapo ihre Finger im Spiel? Giraudoux gehörte zu jenen, die sich nicht scheuten, dichterisch Machtgier und Brutalität der Herrschenden zu entlarven – speziell im deutsch besetzten Paris der Jahre 1940-1943.

Für Regisseurin Annette Schmidt keine leichte Aufgabe, das Stück ist kompliziert. Komplexer Gehalt verbindet sich mit einer Handlung, die sich nur mühsam erschließt. Das Ensemble ist fabelhaft aufeinander eingespielt, alle müssen blitzschnell in verschiedene Rollen schlüpfen. Es gibt eine schräg stehende Scheibe in der Bühnenmitte und rundum  Bistro-Tische. Annette Schmidt organisiert den Irrsinn in kreisenden Szenen. Das gibt dem Ganzen eine Dynamik, die von der inneren Rundung zum Schleudergang für die Peripherie wird. Hier erdulden die Hungernden die Demütigungen der gefräßigen Spekulanten. Als man erfährt, dass eine Gruppe um den „Präsidenten“ Paris teilweise sprengen will, um Ölvorkommen abzuschöpfen, ruft ausgerechnet Aurelie, „Die Irre von Chaillot“, zum Gegenschlag auf. Die Schwachen schicken die Bösen zur Hölle.

Anton Schieffer gibt der findigen Aurelie einen schillernden Doppelsinn, obwohl die Rolle nicht unbedingt nach Besetzung mit Travestie-Touch verlangt. Schieffer agiert mit Charme und einer koketten Liebenswürdigkeit, an der alle üblen Sprüche abperlen. Diese „Irre“ lebt mit scharfem Verstand und großer Menschenliebe. Leidenschaftlich wirft sich als Kontrast Martin Päthel in die Rolle des schwitzenden und schmatzenden „Präsidenten“, umschwirrt von einer üblen Clique. Mit scharfen Blicken und entschlossenem Stöckelschuh-Schritt fasziniert Mona Creutzer als hinterlistige Präsidenten-Assistentin, Jochen Deuticke ist ein aalglatter Bösewicht, Beate Lohse als betrogene Kleinsparer­in das pure Elend, Norman Nowotko („Baron“) der typische Mitläufer, Andrea Klein zeigt als „Constance“ viel Witz. Ismael Hawramy berührt: Dem „Taubstummer“ gelingt es, die Botschaft von den grausigen Plänen zu verbreiten. Berna Kilicli, die als Kellnerin Irma von den Reichen geknechtet wird, gibt ihrer Rolle Wärme und Treue.

Im zweiten Teil des Stücks verwandelt sich die Mitte in eine Art Einsatzzentrale der Opfer. Die skrupellosen Geschäftemacher werden in die Kloake gelockt, scheppernd schließt sich die Luke. Geschafft? Als Gespenster stehen die Unholde bald wieder unbemerkt hinter Aurelie. Die Rettung der Welt – doch nur ein Märchen? Insgesamt eine mutige und sorgfältig erarbeitete Inszenierung, in der Annette Schmidt dem Zuschauer nichts erspart. Hier ist Mitdenken gefragt.