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Aachen/Geilenkirchen: Mit Schwung von der Laufbahn zum Laufstall

Aachen/Geilenkirchen : Mit Schwung von der Laufbahn zum Laufstall

„Voller Lauf” heißt das Wörtchen Karriere in seiner ursprünglichen französischen Bedeutung. Meist fängt er mit Schulabschluss-, Ausbildungs- und lockerem Studium-Stemmen an. Fortbildungs-Walking, Beförderungs-Jogging und kleine Fleiß-Sprints geben ihm den richtigen Schwung.

Doch gerade, wenn alle Muskeln geschmeidig, die höchsten Hürden genommen, die Strecke fest im Blick ist, wird so mancher „volle Lauf” abrupt gestoppt. Weil eine Mitarbeiterin zum Beispiel plötzlich an Gewicht zulegt - mit höchst entzückendem Ergebnis: einem Baby. Doch ist der neue Erdenbürger erst mal da, will der Lauf oft einfach keine Geschwindigkeit mehr bekommen. Was in der Regel nicht an den Sprinterqualitäten der Mutter liegt.

„Patchwork-Karriere”

Ein Grund, keine Kinder zu bekommen? Nein. Ein Grund, Karriere neu zu definieren. Annegret Heesen aus Geilenkirchen zum Beispiel sagt: „Karriere ist immer sehr persönlich und hat wenig mit Position und gefülltem Bankkonto zu tun.” Ihre Art, Karriere zu machen, hat nichts mit einem gut durchdachten Trainingsplan oder gar einem Sprint zu tun. Im Gegenteil: Sie, die früher Musik studierte und unterrichtete, hat Teller gewaschen und einen Antiquitätenladen geleitet, bevor sie sich über Umwege als Personalberaterin selbstständig machte.

„Patchwork-Karriere” nennt sie das. „Es ist nicht wichtig, wo man anfängt, es ist nicht wichtig, wo man ankommt, der rote Faden zählt.” Als sie mit 36 zum ersten Mal schwanger wurde, war Annegret Heesen schnell klar: Sie macht weiter. Auch mit Kind, alles eine Frage der Organisation. Sie lag noch im Krankenhaus, als bereits der erste Kunde telefonisch wieder nach ihr verlangte. Die kleine Friederike kam kurze Zeit später einfach mit ins Büro.

Oma in der Ferne

Einfach mitnehmen kam für Susanne Klee (Name von der Redaktion geändert) nicht in Frage. Patienten einer Physiotherapeutin hätten wohl wenig Verständnis dafür, mit einem fremden Baby die Übungsmatte zu teilen. Trotzdem, die 25-Jährige wollte wieder arbeiten, nachdem ihr kleiner Sven da war. Das Wörtchen Karriere im ursprünglichen Sinne spielte dabei keine Rolle. Sie wollte etwas für sich tun, den Anschluss nicht verlieren, die Decke drohte, ihr auf den Kopf zu fallen. Problem Nummer eins: Einen Arbeitgeber finden, der eine junge Mutter Teilzeit einstellt. Problem Nummer zwei: Wohin mit dem Kind? Die Oma weit weg, Kinderkrippenplatz nicht in Sicht, ihr Mann im Beruf voll eingespannt.

Auch die Oma von Friederike muss sehr weit fahren, um ihre Enkel zu sehen und kommt als Babysitterin nicht in Frage. Doch nicht mehr zu arbeiten, kommt wiederum für Annegret Heesen nicht in Frage. Eine Tagesmutter musste her, auch wenn sie ein Teil des hart erarbeiteten Einkommens kostet. Über das Arbeitsamt engagierte die Personalberaterin eine Hilfe, die ihr 40 Stunden in der Woche beistand. Angst, etwas zu verpassen oder die Erziehung aus der Hand zu geben, hatte sie nicht. „Ich glaube sogar, dass es gut ist, einen Teil abzugeben”, sagt sie.

Weg vom Wickeltisch

Einen Teil abgeben, eine Tagesmutter engagieren, war zunächst auch die Lösung für Susanne Klee. Nach langem Suchen fand sie eine Praxis, doch die 15 Stunden, die sie sich in ihrem Beruf fit für die Karriere hält, sind für sie ein Nullsummenspiel. Geld bleibt kaum übrig. Die Tagesmutter bekommt bezahlten Urlaub, Susanne Klees Arbeitgeber verzichtete darauf und bezahlte pro Stunde. Doch Susanne war es das wert. Ein paar Stunden weg von Wickeltisch und Duplo-Steinen.

„Es bringt Sven ja nichts, wenn er eine unglückliche Mutter hat”, sagt sie. Deshalb hat sie auch Svens Jammern ausgehalten, als er das erste Mal zur Tagesmutter kam und sie mit großen nassen Augen ansah. „Wenn es mit der Tagesmutter nicht so gut funktioniert hätte, hätte ich den Wunsch zu arbeiten, sofort auf Eis gelegt.” Doch kaum war die Tür zu, die Mutter aus dem Blickfeld, hörte Sven auf zu weinen. „Er hat sich gut entwickelt und ist selbstbewusster geworden”, sagt seine Mutter. Ein Stück ihrer Karriere, ihres Erfolges: zu sehen, wie sich ihr Sohn entwickelt.

Dieser Erfolg ist auch Annegret Heesen wichtig. Deshalb gibt es heute auch ihren Sohn Maximilian (fünf Jahre). Im Beruf ist sie deshalb nicht kürzer getreten. Eigenverantwortung, Nachbarschaftshilfe, Tagesmütter, Ganztagskindergarten und Ganztagsgrundschule lautet ihr Rezept. Trotzdem kann auch sie manchmal nicht raus aus ihrer deutschen Haut.

Typisch deutsch

Rabenmutter, dieses typisch deutsche Wort, hat so einen bitteren Beigeschmack. „Wenn ich am Kindergarten stehe und meinen Sohn abhole, komm ich schon ins Grübeln, ob ich alles richtig mache.” Doch dann schaut sie in die Augen ihrer Kinder und sieht die Antwort.

Ob die 45-Jährige glaubt, dass bei einem besseren Betreuungsangebot mehr Frauen Kinder bekommen würden? „Wenn ich etwas vorhabe, dann bin ich auch dafür verantwortlich.” Darauf zu warten, dass andere einem alle Probleme lösen, hält sie für falsch.

Susanne Klee ärgert sich richtig über die Idee der Familienministerin Renate Schmidt, das Familiengeld nach Einkommen zu berechnen. „Das ist totaler Blödsinn. Es liegt doch nicht an dem fehlenden Geld, dass die Akademikerinnen keine Kinder bekommen. Sie wollen arbeiten, Karriere machen - und das geht in den meisten Berufen nun mal nicht stundenweise.”

Susanne Klee hat ein Jahr in der Praxis gearbeitet. Jetzt ist sie wieder schwanger. „Ich ruf Sie an”, versprach ihr Chef. Aber die neue Heilmittelverordnung, sie wisse schon, es laufe halt nicht mehr so gut. Susanne Klees Telefon blieb stumm.

Sie zuckt mit den Schultern: halb so schlimm. „Ein Leben ohne Kinder kann ich mir nicht vorstellen.” Leute, die sich in die Idee von der großen Karriere verrennen, versteht sie nicht. Denn für sie könnte es an der Ziellinie ziemlich einsam sein.