1. Kultur

Aachen: Mit 90 noch mutig auf neuen Wegen

Aachen : Mit 90 noch mutig auf neuen Wegen

Wenn man bei einem 90-jährigen Künstler eine Ausstellung mit „Aktuelle Arbeiten” betitelt, dann ist das nicht nur ungewöhnlich, sondern beinahe schon provokant.

Mit welch Fug und Recht aber die Aachener Kunstlegende Karl Otto Götz diese ehrliche Würdigung seines jüngsten Schaffens erfährt, das beweist die Doppelausstellung, mit der die Heimatstadt jetzt seinen großen Geburtstag begeht: Auf der einen Seite „Ein Rückblick” im Suermondt-Ludwig-Museum, jenem Haus, in dem er als Kind die entscheidende erste Begegnung mit der Kunst erfuhr, und eben „Aktuelle Arbeiten” im Ludwig Forum.

Eine im übrigen äußerst fruchtbare und ergiebige Zusammenarbeit der beiden Museen, die ein herausragend ästhetisches, informatives und sehr sehenswertes Ergebnis zustande gebracht hat.

Das Suermondt gibt einen Überblick über sage und schreibe sieben Schaffensjahrzehnte des nahezu erblindeten Künstlers; das Ludwig Forum dokumentiert absolut erstaunliche neue kreative Wege jenes ehemaligen Professors an der Düsseldorfer Kunstakademie, den eine ganze Generation weltbekannter deutscher Künstler bis heute hin stolz als ihren wichtigsten Lehrer betrachten - von Gerhard Richter bis HA Schult.

Der Maler Karl Otto Götz, Klassiker der Moderne, einer der bedeutendsten Repräsentanten der abstrakten Nachkriegskunst, ist mit 86 Jahren zum Keramiker geworden. Und was für einem!

Wer hat je so in Ton gearbeitet? Nackt hat er sich auf die zwei mal zwei Meter große, dicke Tonplatte geworfen und mit Klauen und Zehen im zähen Material gewühlt, tiefe Furchen gezogen, das Gesicht in den Lehm gerammt - so fest verklebt, dass am Ende zwei Mann Mühe hatten, ihn wieder herauszuziehen. „Das war hart, aber es musste sein”, ist als Kommentar von ihm verbürgt, erzählt Forums-Chef Harald Kunde.

In neun Teile zersägt, glasiert und gebrannt, hängt das keramische Körperrelief-Kunststück wie mit Zuckerguss überzogen an der Wand - als eines von drei beeindruckenden Objekten dieser neuen Werkgruppe. Sie bezeugt die ungebrochene Vitalität und den gewaltigen Gestaltungswillen des im Westerwald lebenden Künstlers. Auch in kleinere Keramikarbeiten, in würfeln, hat er sein Gesicht, Hände und Füße hineingedrückt.

Aber nicht nur das: Auch Stahlwerke sind in den letzten drei Jahren entstanden. 14 davon finden sich im so genannten „Kapellenraum” des Forums, kurvige Gebilde, die ein versierter Schlosser mit Computerhilfe aus armschwingend groß dimensionierten Schriftzügen des Künstlers in Stahl umgeformt hat - Vornamen von Menschen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben.

Adam C. Oellers, kommissarischer Leiter des Suermondt-Ludwig-Museums, hat ihn darüber hinaus zu noch anderen Experimenten inspiriert, ihm eine Leselampe in die Hand gedrückt und seinen „informellen Gestus” buchstäblich im dunklen Raum kreisen lassen, während Oellers ihn fotografierte. Daraus ist eine ganze Serie an „Lichtbildern” entstanden, zu sehen im Ludwig Forum.

Bei all dem ist sich Karl Otto Götz doch letztlich treu geblieben: Körperbetont, geradezu aus dem Hüftschwung heraus entstanden, war seine Kunst eigentlich schon immer. Drei Präsentationsräume im Suermondt gliedern siebzig Jahre künstlerischen Schaffens.

Die Anfänge in den dreißiger Jahren liegen in surrealistisch inspirierten Spritzbildern - einige wenige davon haben die Vernichtung seines Frühwerks bei der Bombardierung Dresdens 1945 überlebt. Es folgen filigrane Zeichnungen, Lackbilder, Monotypien in gegenständlich-abstrakter Vermischung.

Schließlich findet er Anfang der Fünfziger auf malerisch-technischem Wege die Lösung für eine vollkommene Befreiung von jedweder Formfestlegung, indem er Kleisterfarbe auf die am Boden liegende Leinwand gießt und in einem Sekunden dauernden Prozess mit Messer und Pinsel hineinarbeitet. Hell und dunkel, positiv und negativ kehren ausladende Farbschwünge wie in einem systematisch angelegten Chaos wieder - Resultate eines rhythmisch gegliederten, rasanten künstlerischen Moments.

Heftiger Kontrast

Schwarz und Weiß als heftig konrastierende Grundmomente dieser Bewegung weichen in den letzten Jahren den reinen Grundfarben auf gewaltigen Formaten. Die körperliche Annährung des schlecht sehenden Künstlers an sein Werk ist dabei immer stärker geworden, zuletzt malt er mit den Händen.

Adam C. Oellers erblickt bisweilen in den erdigen Farben und strömenden Formen landschaftliche Elemente Norwegens, wo das Ehepaar Rissa und Karl Otto Götz viel Zeit verbracht hat.

Der überwiegende Teil der Werke stammt aus Privatsammlungen oder von Götz selbst und ist noch nie ausgestellt worden.

Viele Dokumente in der Schau fördern Erstaunliches zutage: Zum Beispiel, dass Götz zusammen mit anderen hiesigen Künstlern wie Karl Fred Dahmen und Hubert Werden bereits zu Anfang der Fünfziger im Aachener Suermondt-Museum gemeinsame deutsch-französische Ausstellungen ausrichteten - auch in dieser Hinsicht eine avantgardistische Leistung ersten Ranges.

Im Kupferstichkabinett ist zeitgleich eine kleine Auswahl von Werken des Aachener Weggefährten Götz zu sehen: Erich Mueller-Kraus (1911-1967).

Zwei Aachener Ausstellungen präsentieren Arbeiten von Karl Otto Götz: „Ein Rückblick” im Suermondt-Ludwig-Museum, Wilhelmstraße 18, Eröffnung heute 18 Uhr, bis 30. Mai, Di.-So. 12-18 Uhr, Mi. 12-21 Uhr.

„Aktuelle Arbeiten” im Ludwig Forum , Jülicher Straße 97-109, Eröffnung heute 20 Uhr, bis 30. Mai, Di. bis So. 12-18 Uhr. Der Künstler wird bei den Eröffnungen anwesend sein.

Katalog: 25 Euro, Gruppenführungen: 0241/4798020

(Suermondt-Ludwig-Museum), 0241/1807113 (Ludwig Forum). Eintritt jeweils 3 Euro (1,50 erm). Kombiticket für beide Ausstellungen für 4,50 Euro (erm. 2,50 Euro).

Ein literarischer Abend mit Karl Otto Götz und Franz Mon findet im Suermondt-Ludwig-Museum am 14. April, 20 Uhr, statt.

Im Ludwig Forum gibt es am 21. April, 20 Uhr, ein Künstlergespräch mit Karl Otto Götz.