Aachen: Michelle: „Man darf nicht stehenbleiben”

Aachen: Michelle: „Man darf nicht stehenbleiben”

„Ich habe mir mittlerweile echt ein dickes Fell angeschafft”, sagt Michelle, und meint das wohl eher im übertragenen Sinne. Denn so, wie sie sich auf dem samtigen Hotel-Sofa zusammenkauert, möchte man dieser zierlichen Frau ganz gerne eine Decke oder einen heißen Tee reichen.

„Über mich wird wirklich eine Menge dummes Zeug geschrieben. Für mich ist einfach nur wichtig, dass ich weiß, was stimmt und was nicht stimmt.”

Ungünstigerweise für Michelle treffen viele der Schlagzeilen, die über sie getextet wurden, tatsächlich zu. Zumindest jener Teil der Öffentlichkeit, der sich für Schlager und für Klatschgeschichten interessiert, muss deshalb denken, dass diese Mutter dreier Mädchen (zwischen drei und 14 Jahre alt) von drei verschiedenen Vätern von einer Katastrophe in die nächste schlittert.

Als Abschiedsgeschenk gedacht

Was gab es da nicht alles zu lesen und zu hören: Anfang des Jahres trennte sich die Sängerin, die aus dem Südschwarzwald stammt und heute auf dem Land in der Nähe von Köln lebt, von ihrem Ehemann Josef Shitawey. 2009 verlor sie im sechsten Monat ihre Tochter. 2008 musste sie Privatinsolvenz anmelden. 2007 verkündete sie nach einem Schwächeanfall das Ende ihrer Karriere, 2003 tat sie Selbiges nach einem leichten Schlaganfall schon einmal, dazwischen floppten ihr Hundesalon und diverse Beziehungen.

Und nun? Sitzt Michelle, geboren vor 38 Jahren als Tanja Hewer, auf dem Samtsofa und spricht über ihr neues Album. Eigentlich hatte sie ihr Wiederkommen schon im vergangenen Jahr ausgerechnet mit der CD „Goodbye Michelle” eingeläutet, die ursprünglich als Abschiedsgeschenk für die Fans geplant war. „Als ich dann auf der Bühne stand und sang, da habe ich gemerkt, wie wohl ich mich dabei fühle. Und ich wusste, dass ich gerne weitermachen wollte. Für mich und für die Menschen da draußen.” Und sie fügt hinzu: „Ich weiß inzwischen, was mir gut tut und wie viel ich arbeiten kann, ohne dass mir alles zu viel wird. Mein Beruf und meine drei Töchter stehen jetzt gleichberechtigt nebeneinander.”

„Der beste Moment” heißt die neue Platte. Michelle bietet darauf solides Schlagerhandwerk, singt mit ihrer unverwechselbar hohen Stimme und viel Gefühl und klingt dabei inhaltlich so positiv, optimistisch, gut gelaunt und zuversichtlich, dass man zu zweifeln beginnt, ob die Michelle aus den Schlagzeilen und die Michelle aus den Songs wirklich ein und dieselbe Michelle sind. Mit dieser Platte dürfte sie durchaus anknüpfen an ihre großen Erfolge, etwa an ihre wohl bekannteste Nummer „Wer Liebe lebt”, mit der sie 2001 Platz acht beim Eurovision Song Contest belegte.

„Das neue Album”, sagt sie, „enthält eine gewisse Reife. Man darf nicht stehenbleiben und muss textlich wie musikmäßig wachsen und man selbst bleiben.” So ist etwa „Sternenkind” Michelles tot geborener Tochter Ronja gewidmet. „Es ist kein Song, in dem ich irgendwas verarbeiten musste, es ist auch kein Song, der mich traurig macht. Ganz im Gegenteil: Das ist mein Song für mein Sternenkind.”

Seit bald 20 Jahren gehört Michelle zu den führenden Vertreterinnen des Schlagergewerbes, selbst wenn man die Pausen abzieht, bleibt immer noch eine stattliche Erfolgsbilanz. Irgendwie scheint diese Frau einen Draht zu den Menschen zu haben. Michelle: „Man weiß nie, was wirklich das Geheimrezept ist, aber ich glaube zum Beispiel, dass ich eine sehr einzigartige Stimme habe, die man entweder hasst oder liebt. Diese Stimme wird gemischt mit einer zierlichen, kleinen Person, die sehr viel im Leben erlebt hat. Die sehr oft stark sein muss und eine Ausstrahlung hat, die sehr weiblich und fraulich ist, aber trotzdem etwas kindliches an sich hat. Ich glaube, das ist so die Mischung, die anscheinend den Leuten sehr gut gefällt.”

Michelle, die seit einem halben Jahr frisch liiert ist, über die Beziehung aber nicht sprechen mag („Ich habe in der Vergangenheit viel zu viel Privates erzählt”), bezeichnet sich selbst als „Stehaufmännchen”. Trotz aller Schicksalsschläge, so beteuert sie, blicke sie frohen Mutes nach vorne. „Ich bin wieder da und werde jetzt bleiben. Das ist mein Weg. Ich habe irgendwann lernen müssen, dass dieser Weg mit allen Höhen und Tiefen so ist, wie er ist. Ich habe immer versucht, das Beste daraus zu ziehen.”