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Aachen: „Michael Kohlhaas”: Ein Antiheld auf dem Kriegspfad

Aachen : „Michael Kohlhaas”: Ein Antiheld auf dem Kriegspfad

Natürlich muss man sich die Frage stellen, ob diese Hauptfigur eine ist, die man mögen kann. Leicht fällt das noch, als der einst friedlebende Pferdehändler Michael Kohlhaas sich Schikanen durch den Junker von Tronka ausgesetzt sieht, dieser seine wertvollen Rappen zu Grunde richten lässt und die Fehde schließlich im Tod von Kohlhaas Frau Lisbeth gipfelt.

Doch dann greift der einstmals friedlebende Pferdehändler zu noch grausamerer Gegengewalt.

Mit „Michael Kohlhaas” bedient sich das Theater Aachen im Mörgens zum Start in die neue Spielzeit der rund 200 Jahre alten Novelle von Heinrich von Kleist. In dieser geht es um das Aufbegehren gegen die Willkür der Mächtigen, um das Vergelten von Unrecht mit Unrecht und um den Aufstieg eines Mörders zum Volkshelden.

Dankenswerterweise sehen sich Nora Mansmann (Inszenierung) und Katharina Rahn (Dramaturgie) nicht genötigt, das Publikum mit möglichen Parallelen zu historischen Fällen zu belästigen. Stattdessen wird das Denken dem Zuschauer überlassen und das Erzählen Heinrich von Kleist - die 90 Minuten halten sich sehr dicht an dessen Vorlage (Bearbeitung: Franziska Steiof).

„Kohlhaas muss nicht 50 sein, um zu überzeugen”, hatten Mansmann und Rahn im Vorfeld der Premiere versprochen. Und in der Tat entpuppt sich der charismatisch aufspielende Roman Konieczny nicht nur nominell als Hauptdarsteller. In wechselnden Rollen stehen ihm Emilia Rosa de Fries und Joey Zimmermann zur Seite, als Junker von Tronka und als Kohlhaas Ehefrau, als Kurfürst von Sachsen und schließlich als johlender „Haufen”, der dem Vergelter durch das heutige Ostdeutschland folgt.

Akustisch begleitet wird der Rachefeldzug einzig von monotonem Trommeln, das parallel zu der Spirale der Gewalt anzieht. Optisch in Szene gesetzt wird die Produktion vor allen Dingen als effektvolles Pendeln zwischen grellem Licht und fast völliger Dunkelheit, als Spiel von Schwarz und Weiß (Kostüme: Dominique Muszynski, Bühne: Laura Wallrafen).

Erst als Michael Kohlhaas endgültig den Weg der Gewalt wählt, mischt sich neben Schwarz und Weiß eine dritte Farbe ins Bild. Das Blut färbt sein Gesicht rot und befleckt seine Kleidung - und bald wird es auch an seinen Händen kleben.

Sinistre Trommelwirbel, martialische Kriegsbemalung - als Michael Kohlhaas vom Grab seiner Frau aus auf den Kriegspfad schreitet, ist im Mörgens eine Intensität erreicht, die angesichts des sparsamen Arrangements verblüfft.

Und wenn Kohlhaas am Ende der 90 Minuten seine letzten Worte spricht, weiß der Zuschauer: Dieser Antiheld ist doch einer, den man mögen sollte.

„Michael Kohlhaas” im Mörgens in der Mörgensstraße in Aachen

Weitere Aufführungen: 24., 28. September; 8., 12., 15., 17., 22. und 29. Oktober, 20 Uhr.