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Gelsenkirchen: Meister der Emotionen im Heim der Herzen

Gelsenkirchen : Meister der Emotionen im Heim der Herzen

Der Bühnen-Kalender 2003 ist hierzulande ja wahrlich nicht arm an Attraktionen. Aber das Konzertereignis des Jahres fand jetzt in Gelsenkirchen statt: der derzeit unangefochten beste Pop-Entertainer, die Nummer 1 des Showbusiness, zu Gast in Nordrhein-Westfalen.

Die Arena AufSchalke war am Sonntag- und Montagabend ausverkauft. Insgesamt rund 110 000 Zuschauer erlebten Robbie Williams.

Am Anfang ist das Warten. Das lange Warten auf Robbie Williams. Ein bisschen sonnen vor der Arena, herumschlendern, Leute beobachten, mit sich ringen, ob man sich eines von den RW-T-Shirts leisten soll. Ab 30 Euro kosten sie. Viele tuns, andere schütteln den Kopf.

Ozzy Osbournes Tochter Kelly eröffnet das Programm. Bemerkenswert an ihrem halbstündigen Auftritt: ein schlechter, matschiger Sound dröhnt am Sonntagabend, und die ersten Mädels werden vor der Bühne erschöpft abtransportiert.

Viel besser anschließend Skin. Sie zeigt sich als Powerfrau. Macht Druck. Springt von der Bühne, sprintet auf Robbies Laufsteg, springt auch von diesem, nimmt direkten Kontakt mit dem Publikum auf, streichelt einem Security-Muskelprotz über die Glatze und einem Kameramann übers nackte Bein.

Und die Fotografen geraten ins Schwitzen, weil sie hinterherhecheln müssen. Auch die sanfte Seite der Sängerin wirkt. Sehr gut kommt sie an, die Zuschauer gehen erstmals mit. Erstmals lauter Jubel.

Der brandet bei jedem Spot mit Robbie auf den Leinwänden auf. Die Spannung steigt. Vier große Werbebälle hüpfen über die Menge. La-Ola-Wellen werden versucht, wollen erst nicht so recht gelingen, bis es schließlich unter großem Beifall doch leidlich klappt.

Es knistert merklich im überdacht zur Halle gewordenen Stadion, der Heimstatt des FC Schalke 04, dem Meister der Herzen.

Ohrenbetäubender Jubel für den Mann am Seil

Um Punkt 21 Uhr ist Robbie leibhaftig da. Schwebt kopfüber ins Blickfeld. Empfangen von ohrenbetäubendem Jubel. „Let Me Entertain You” - keine Frage!

Von den ersten Tönen an tobt die Arena. Und Robbie badet in Ovationen. Er braucht das Publikum, nicht nur das Publikum ihn. Man merkts an jeder Geste, jeder Pose. Der 29-Jährige klimpert meisterlich auf der Klaviatur der Emotionen. Er wickelt die Menge um den kleinen Finger, spielt mit ihr, agiert, reagiert. Das muss man live erlebt haben.

Robbie, der Herzensbrecher. Er lässt sich ein Mädchen aus der ersten Reihe auf den Laufsteg reichen, nimmt sie auf den Arm, trägt sie singend herum. Sie kann es gar nicht fassen, kreischt ins Mikro, wird noch mit einem Küsschen bedacht und zurückgereicht. Und dann immer wieder dieser treue Blick in Großaufnahme. Als könne der Mann kein Wässerchen trüben.

Robbie, der Sexprotz. Gleich sechs Gespielinnen, sorry Tänzerinnen, sind ihm zu Diensten.

Robbie, der Schelm. Er hat Spaß und macht Spaß. Imitiert mal kurz Stevie Wonder. Hebt einen Schlüpfer auf, der auf die Bühne fliegt, wischt sich damit den Schweiß vom Gesicht - und verzieht dasselbe.

Er kündigt den letzten Song an, erntet dafür ein Pfeifkonzert. Um gleich spitzbübisch zu grinsen: Ja, ja, er komme wieder, das sei doch immer so, das sei Entertainment, er wisse auch nicht warum, aber das sei eben so.

Herrlich! Oder er erzählt, seine Beziehungen würden immer vor Weihnachten enden - weil es sonst zu teuer würde. Also Weihnachten ohne Girlfriend. Der Arme. Ein bedauerndes „Ooohhh” schallt ihm entgegen.

Robbie, der Sänger. Natürlich! Klasse, zwei Stunden Songs ohne Durchhänger. „Shes The One”: Ein tausendfacher Chor begleitet ihn. Feuerzeuge und durch die Kontrollen geschmuggelte Wunderkerzen brennen.

„Supreme”, „Monsoon”, „Millennium”: Die gewaltige Kulisse kocht. „Strong”: Der Text läuft im Karaoke-Stil über die Bildschirme. Als wenn das nötig wäre... „Mr. Bojangles”: Ein Flügel hebt sich aus dem Boden, ein Hauch von Club-Atmosphäre zieht auf. „Feel”: Robbie lässt sich ausgiebig feiern, singt den Refrain mit den Leuten ohne seine große Band.

Zur Zugabe „Rock DJ” fährt er im Kreis der Tänzerinnen aus dem Laufsteg-Untergrund. „Angels” zum Schluss: Die brodelnde Menge singt - Gänsehaut pur. Konfettikanonen schießen weiße Schnipsel in die aufgeladene Luft. Ein grandioses Pop-Schauspiel endet. Und noch ein letztes Mal saugt der Zeremonienmeister die Huldigungen auf...