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Köln: Meisner wegen Äußerung über „entartete Kultur” in der Kritik

Köln : Meisner wegen Äußerung über „entartete Kultur” in der Kritik

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner steht wegen seiner Bezeichnung von religionsferner Kultur als „entartet” weiter in der Kritik. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnete Meisner im „Tagesspiegel am Sonntag” als „geistigen Brandstifter”, der Sprache missbrauche und gezielt Tabus breche.

„Wenn das Schule macht, darf sich keiner wundern, wenn der braune Ungeist in Deutschland weiter salonfähig wird”, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer.

Der Schriftsteller Ralph Giordano sagte im WDR, Meisner habe zwar keinen positiven Bezug zum Nationalsozialismus herstellen wollen. „Aber geistig wabert aus dieser Zeit immer noch etwas herüber, und es wäre besser gewesen, wenn Kardinal Meisner dieses Wort nicht gebraucht hätte.” Auch der Deutsche Kulturrat kritisierte die „für einen hohen Würdenträger der katholischen Kirche erstaunlich unbedachte Wortwahl”.

In einer Predigt im Kölner Dom hatte Meisner gesagt: „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.” Der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp warf Meisners Kritikern vor, voreingenommen zu sein. „Der ausgelöste Wirbel zeigt, da fehlt das nötige Wohlwollen, das man auch einem Kardinal Meisner entgegenbringen muss”, sagte Schwaderlapp am Samstag im Kölner Domradio. Die Reaktion der Öffentlichkeit habe Meisner getroffen, zumal es diametral dem entgegengesetzt sei, was er gemeint habe.

Kommentatoren hatten Meisner eine christlich-fundamentalistische Perspektive vorgeworfen, wenn er meine, dass Kunst ohne Gottesbezug oder spirituelle Dimension „entartet” sei. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle nannte Meisners Äußerungen in der „Bild am Sonntag” „intolerant, ignorant und für einen so bedeutenden Kirchenmann unwürdig”. „Gott sei Dank spricht Kardinal Meisner in Sachen Kunst und Kultur nur für sich und nicht für die Kirche”, fügte Westerwelle hinzu. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, sagte, indem Meisner den Begriff „entartet” gebrauche, setze er sich über gesellschaftliche Vereinbarungen hinweg und erweise sich als „Zündler”.

Das Erzbistum Köln verteidigte Meisner in einer Mitteilung: „Die Äußerung des Kardinals wendet sich weder gegen bestimmte Kunstformen, Kunstwerke oder Künstler, noch will sie irgendjemanden diskreditieren oder gar diffamieren.” Meisner habe in seiner Predigt die Menschenverachtung der Nationalsozialisten angesprochen. „Den von der Nazi-Ideologie missbrauchten Begriff der Entartung richtet er somit gegen diese und alle Formen des Totalitarismus.”

Meisner selbst bezeichnete seine Wortwahl in seiner Predigt im Kölner Dom zur Eröffnung des neuen Diözesanmuseums später als „schlichte Aussage”: „Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen: Wenn man Kunst und Kultur auseinander bringt, dann leidet beides Schaden.”

Der Kölner Künstler Gerhard Richter kritisierte es in der „Bild am Sonntag” als „schlimme Entgleisung”, das Wort „entartet” im Zusammenhang mit Kunst zu benutzen. Die Kritik, die Meisner vor zwei Wochen an dem von Richter entworfenen Fenster im Kölner Dom geäußert hatte, kommentierte der Künstler gelassen: „Ach, das ist doch normal, dass es bei einem Kunstwerk Gegenstimmen gibt.”

Der nordrhein-westfälische Kultur-Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) wies Meisners Predigttext, der auch schriftlich verbreitet worden war, scharf zurück. Bereits Meisners Kritik an Richters Fenster habe bewiesen, dass es wenig Sinn mache, mit Meisner über Kunst zu diskutieren. „Und das sage ich nicht nur als Kulturstaatssekretär, sondern auch als Katholik”, sagte Grosse- Brockhoff.

Die Nationalsozialsten hatten rund 16 000 moderne Kunstwerke beschlagnahmt. In München hatte Hitlers Chef-Propagandist Joseph Goebbels eine Ausstellung „Entartete Kunst” initiiert. Sie zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen.