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„Mein verwundetes Herz”: Die Geschichte der Lilli Jahn: von Martin Doerry

„Mein verwundetes Herz”: Die Geschichte der Lilli Jahn: von Martin Doerry

Es ist die eindrucksvolle Geschichte über das dramatische Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie. Und sie wird sehr spät - erst nach Jahrzehnten - aufgearbeitet.

In einer einzigartigen Vollständigkeit sind über 500 Briefe erhalten, die das Leben der jüdischen Ärztin Lilli Jahn dokumentieren. Ihr Enkel Martin Doerry hat sie zu einem bemerkenswerten Buch zusammengefasst.

Jahrelang hören Lillis Enkel nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ihre Großmutter in Auschwitz umgebracht wurde, dass ihr protestantischer Großvater sich 1942 von ihr scheiden ließ und Lilli deshalb schutzlos den Nazis ausgeliefert war. Das musste als Information reichen.

Dieses relative Schweigen war ja nicht unnormal in vielen deutschen Familien. Die Erinnerung als Tabu: verdrängt, aber doch niemals vergessen. Und plötzlich wurde die Familie der Lilli Jahn ganz unmittelbar mit dieser Vergangenheit, mit der Geschichte ihrer Mutter konfrontiert.

Als Gerhard Jahn, Lillis Sohn, im Oktober 1998 in Marburg stirbt, hinterlässt der ehemalige Bundesjustizminister im Kabinett Willy Brandts ein Erbe, von dem seine vier Schwestern nichts ahnten: In mehreren Kartons und Umschlägen finden sie etwa 250 Briefe, die Lillis Kinder - also sie selber - 1943 und 1944 an ihre in einem Lager inhaftierte Mutter geschrieben hatten.

Lilli hatte die Dokumente im März 1944, unmittelbar vor ihrer Deportation nach Auschwitz, aus dem Arbeitserziehungslager Breitenau bei Kassel herausschmuggeln können. Auch ihre eigenen Briefe an die Kinder sind erhalten.

Die Familie ergänzte den kostbaren Fund. Jede der Schwestern hatte Briefe der Mutter, mehr als 300 weitere Dokumente kamen so zusammen, die meistens von Lilli in den Jahren 1918 bis 1944 geschrieben worden waren. Es sind ausführliche historische Texte von unschätzbarem Wert, weil sie den Alltag schildern, weil sie authentisch und weil sie wahr sind.

Wir erleben die Jugendzeit der jüdischen Medizinstudentin Lilli mit. Die im Jahr 1900 geborene Kölnerin ist eine fröhliche junge Frau. Sie geht ins Theater, und im Kölner Gürzenich hört sie Konzerte mit Furtwängler und Bruno Walter, sie selber spielt leidenschaftlich gerne Klavier, vor allem Chopin, Mozart und Beethoven. Sie interessiert sich für Wedekind und Strindberg und ist begeistert von Bernard Shaw.

Während des Studiums lernt sie ihren späteren Mann, den Protestanten Ernst Jahn, kennen, den sie am 12. August 1926 in der Wohnung ihrer Eltern nach jüdischem Ritus heiratet.

Zu gerne hätte sie die Praxis eines Onkels in Halle übernommen, aber Ernst hält nicht viel von eigenen beruflichen Ambitionen seiner Ehefrau. Er eröffnet eine Arztpraxis in Immenhausen bei Kassel, und Lilli „darf” bis zur Geburt des ersten Kindes im September 1927 ebenfalls praktizieren. Neben der Eingangstür hängen zwei Namensschilder - bis Jahre später Lillis Schild auf Druck der Nazis abmontiert wird.

Anfang 1932 verfinstert sich allmählich der politische Horizont für die Familie und ihre jüdische Frau und Mutter. Zwei Tage nach dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 dringen SA-Leute bei Sozialdemokraten und Kommunisten ein, verschleppen die Männer, schlagen und foltern sie in einer ehemaligen Knopffabrik des Arbeiterdorfes.

Wenig später folgt der Judenboykott, und Lilli berichtet entsetzt in einem Brief ihren Freunden Hanne und Leo darüber: „Denkt Euch doch, auch über meinen Amadé (so nennt sie ihren Mann) hat man gestern den Boykott verhängt, weil er mich - eine Jüdin - zur Frau hat!! Wie mich das zutiefst erschüttert hat, dafür fehlen mir die Worte.”

Isolation, Verhaftung, Zwangsarbeit, Deportation

Die Familie wird immer stärker isoliert. Honoratioren, Nachbarn, Bekannte wenden sich ab. Lilli schreibt ihren Freunden am 4. Februar 1934: „Im übrigen ist der gesellschaftliche Boykott hier in Immenhausen uns gegenüber von einer ungeahnten Vollkommenheit.”

Obwohl alle formellen Voraussetzungen für eine Emigration nach England erfüllt sind, weigert sich Ernst auszureisen. Die Ehe mit Lilli zerbricht, als er sich in die junge Ärztin Rita verliebt. Sie erwartet ein Kind von ihm, kurioserweise hilft Lilli bei der Entbindung.

Es kommt schließlich zur Scheidung; nun ist Lilli schutzlos den Nazis ausgeliefert. Im Juli 1943 muss sie Immenhausen mit ihren fünf Kindern verlassen und in eine Wohnung in Kassel einziehen. Schon am 30. August 1943 wird sie von der Gestapo vorgeladen. „Bis gleich, Kinder”, ruft sie. Sie kommt nie mehr zurück.

Nun lesen wir einen erschütternden Briefwechsel zwischen den Kindern und ihrer Mutter, die im Lager Breitenau inhaftiert ist.

Es gelingt Lilli, illegal Botschaften aus dem Lager zu schmuggeln. Sie ist zur Zwangsarbeit in der chemischen Fabrik B. Braun für zwölf Stunden am Tag abkommandiert, während ihre Kinder ihr in zahlreichen Briefen von schrecklichen Bombenangriffen berichten. Der 16-jährige Gerhard ist mittlerweile Flakhelfer.

Im Frühjahr 1944 wird Liili Jahn nach Auschwitz deportiert. Dort stirbt sie im Juni. Ob an Schwäche, an einer Krankheit oder in der Gaskammer, weiß heute niemand.