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Raeren: Mehr als ein interessanter Wohnplatz

Raeren : Mehr als ein interessanter Wohnplatz

Wenn eine Gemeindegrenze gleichzeitig Staatsgrenze ist, hat das immer Effekte auf mehreren Ebenen. Die wirtschaftlichen sind oft die sichtbarsten. Um das zu überprüfen, genügt es beim Grenzübergang Köpfchen Richtung Raeren zu fahren, dem R der Serie „Euregio von A-Z”.

Die Ortsteile Hauset, Eynatten und Lichtenbusch grenzen im Süden direkt an den Aachener Stadtwald.

Noch vor der großen Tankstelle, wo sich die Autos mit den deutschen Nummernschildern drängen, machen zahlreiche Einrichtungshäuser auf sich aufmerksam. Belgische Eichenmöbel ziehen Kunden aus dem ganzen Rheinland an. Vor allem sonntags, denn hier gelten andere Öffnungszeiten. Davon profitiert auch der neue Feinkost-Supermarkt.

Doch Grenzeffekte sind wandelbar und Mineralölsteuern und Ladenschlussgesetze können sich ändern. Da hat traditionelle Lebensart schon mehr Bestand. Ein paar Meter weiter wartet das Restaurant „Casino” auf Gäste, die die belgische Küche und das Preis-Leistungsverhältnis schätzen. Die schöne Landschaft sowieso. 50 Prozent der Fläche Raerens ist von Wald bedeckt, den zweiten Platz nimmt die Landwirtschaft ein. Die Bäche Iter, Periol und Göhl schlängeln sich durch die Wiesen, die den Kühen die Nahrung für die berühmte Butter und den würzigen Käse des Herver Landes geben.

Nachfrage noch nicht gesättigt

An vielen Stellen wird die ländliche Fläche von Neubaugebieten angenagt. Werbetafeln von Immobilienhändlern machen deutlich, dass hier die Nachfrage noch längst nicht gesättigt ist. Kein Wunder. Für Beträge, die ein paar Kilometer weiter auf deutscher Seite knapp für eine Eigentumswohnung reichen, bekommt man hier ein Einfamilienhaus mit Garten. Ganze Viertel mit ausschließlich deutschen Bewohnern sind entstanden. Alte Höfe erstrahlen in neuem Glanz oder dienen Heimwerkern als unendliches Betätigungsfeld.

Was das Baugewerbe freut, könnte manchem Raerener Kopfzerbrechen bereiten. Bürgermeister Hans-Dieter Laschet geht zwar davon aus, dass die Belgier bald die Minderheit in Raeren stellen werden, zur Zeit sind 47 Prozent Ausländer, die meisten Deutsche, hält die Situation aber nicht für problematisch. Um die Nachteile durch die hohen Grundstückspreise für Einheimische wieder auszugleichen, hat die Gemeinde ein Programm aufgelegt, dass es Ortsansässigen ermöglicht, preiswertes Bauland zu kaufen. Bürgermeister Laschet weist darauf hin, dass Raeren aber nicht nur ein interessanter Wohnplatz ist. Ein Aluminiumwerk und eine Kunststofffabrik beschäftigen zusammen 700 Mitarbeiter. Kleinere Betriebe kommen dazu und ein neues Gewerbegebiet kann mit ersten Grundstücksverkäufen aufwarten.

Heimat der Töpferei

Der Boden Raerens lieferte in der Vergangenheit mehr als Baugrund. Die Tonvorkommen und das Geschick der Menschen ließen hier ab dem 14. Jahrhundert das Töpfereihandwerk erblühen. Das bei sehr hohen Temperaturen gebrannte Steinzeug wurde weltweit exportiert. Doch ab dem 17. Jahrhundert brachten Krieg und Zerstörung eine Krise nach der nächsten und 1850 ging der letzte Raerener Töpferofen aus. Heute erinnert ein Museum in der schönen, frisch renovierten Burg an die Zeit.

Vom Tonabbau über Betrieb der Töpferscheibe bis zur Ofentechnik wird alles anschaulich erklärt. Dazu zeigen unzählige Krüge, Becher, Kannen und Töpfe, wie die Handwerker ihre Leistungen stetig steigerten. Und tolle Ideen hatten sie auch, wie die Schnapsbibel belegt. Sie ist aus Ton, sieht aus wie ein Bucheinband und verwahrte Hochprozentiges. Um die Gemeinde zu erkunden sollten Touristen beim Töpfereimuseum anfangen und dann auf einem der hier startenden Wanderwege, zum Beispiel entlang des Periolbaches, spazieren. Oder Richtung Pfarrkirche, die der Aachener Laurenz Mefferdatis erbaute. Es ist also nichts Neues, dass Aachener in Raeren bauen. Allerdings werden es nach dem neuen Doppelbesteuerungsabkommen, das grundsätzlich die Erhebung im Arbeitsland vorsieht, selten Sakralbauten sein.