1. Kultur

Aachen: Max Goldt: „Wenn man einen weißen Anzug anhat”

Aachen : Max Goldt: „Wenn man einen weißen Anzug anhat”

Mit Aachen hat Max Goldt seiner Meinung nach kein Glück. Zumindest mit den Auftrittsorten, letztes Jahr Brüssel-Saal des Eurogress, diesmal Aula des St.-Leonhard-Gymnasiums.

Die seien doch eher „komisch”, nörgelt der Kolumnist („Titanic”, „jetzt”), Schriftsteller (Zusammenstellungen selbiger Kolumnen) und gelegentliche Musiker („Foyer des Arts” und andere).

Doch vor einigen hundert Zuhörern - Goldt füllt längst mühelos jeden Saal, in dem er liest - läuft der Berliner Göttinger Abstammung dann doch recht schnell warm.

„Wenn man einen weißen Anzug anhat” heißt das neue Buch, aus dem er vortragen soll. „Ein schönes Buch”, wirbt er für das Werk, das allerdings nicht einmal annähernd an seine Vorgänger herankommt.

Vielleicht liegt es an der gewählten Form. Ein „Tagebuch-Buch” nennt der 44-Jährige die auf 158 Seiten konzentrierten Geschichten. Auf Bitten oder auch Drängen seines neuen Verlegers (Rowohlt) hat sich Goldt auf diese Form eingelassen.

Am Ende ist es kein Tagebuch geworden, weil selbst die Daten teils frei erfunden sind, wie Goldt einräumt. Seis drum.

Bei seiner Lesung in Aachen liest Goldt erfreulich wenig und zum Glück die besten Geschichten aus dem Tagebuch-Buch. Wie etwa jene von den 1000 Pressefotografen landauf, landab, die jedes Frühjahr zwei Mädels fotografieren, die gerade die Köpfe zusammenstecken und mit zwei Strohhalmen aus einem Glas trinken.

Bildunterzeile stets: „Nadine und Meike genießen die ersten Sonnenstrahlen.” Niemals aber würden die Fotografen zwei Männer in selbiger Pose fotografieren, oder gar zwei alte Männer. Ganz abgesehen davon, dass zu diesem Zeitpunkt die Sonne schon an 24,5 Tagen geschienen hat . . .

Bewusst lässt Goldt bei der Lesung jenen Tag aus, den viele wohl als erstes in dem Tagebuch-Buch gelesen haben: den 11. September 2001. Diese Auslassung ist qualitativ kein Fehler.

Dafür nimmt er sich richtig gute ältere und ein paar brandneue Geschichten vor, die er mit einer für ihn typischen Portion an Grundarroganz über zwei Stunden lang zum Besten gibt.

So etwa jene mit dem Titel „Die Verachtung”, in der er selbige kübelweise über Günter Grass ausschüttet. Etwa hinsichtlich eines Aufeinandertreffens von Grass und Industrieboss Hans-Olaf Henkel bei „Christiansen”.

Da habe Grass Platitüden à la „Wir haben die Erde nur von unsere Kindern geliehen” vom Stapel gelassen - und in Henkels Gesicht habe sich tiefste Verachtung gespiegelt. Was Goldt befürchten lässt, „dass Industrielle heute intelligenter sind als lntellektuelle”.

Klasse auch die Story über jene Frau, die eine Redensart „erfunden” hat und diese nun quasi mit Copyright versehen lassen will: „Bricht der Ast, auf dem er sitzt, vergisst der Vogel, dass er fliegen kann.”

Nach einer guten Lesung mit wenigen Längen signiert Goldt, der längst stärker ins literarische Establishment eingebunden ist, als ihm vor Jahren lieb gewesen wäre, noch sein Tagebuch-Buch. Ein unterhaltsamer Abend - nicht weniger, nicht mehr.