1. Kultur

Aachen: Manipulation „mit brennender Intensität”

Aachen : Manipulation „mit brennender Intensität”

Als „ein Lehrstück ohne Lehre” bezeichnete Max Frisch (1911-1991) „Biedermann und die Brandstifter”, seine Parabel über falsche Toleranz und echte Feigheit, die 1958 erfolgreich in Zürich uraufgeführt wurde.

Seitdem ist es vor allem ein Stück für Lehrer und Schüler geworden - die holzschnittartige Fabel vom feigen Spießer eignet sich nun mal gut für Schulaufführungen.

Der Regisseur Ali. M. Abdullah (Erfolg in Aachen mit „Norway.today”) hat daraus eine rasante Groteske gemacht und das Parodistische ins Absurde gesteigert, zuweilen bis hin zu köstlichem Klamauk.

Drei karge „Kammern”

Die Feuerwehrwache als antiker Chor (Heinrich Cuipers, Ulrich Haß) stimmt auf das Geschehen in drei kargen „Kammern” ein. Das minimalistische Bühnenbild von Frank Tilmann Otto (auch Kostüme) macht zunächst mit der „Rangordnung” der Figuren bekannt: links das Personal mit Dienstmädchen Anna (warum muss Tina Seydel mit sperrigem Franais-Akzent sprechen?), rechts der eingedrungene Mordbrenner und hübsch in der Mitte der joviale Haarwasser-Fabrikant Biedermann mit Frau Babette.

Das Wiedersehen mit Sophie Basse in einer Gastrolle erfreute die zahlreichen Besucher, zumal die Schauspielerin als quirlig-gequälte Babette erneut mit ihrer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz beeindruckte.

Enrique Keil verleiht „Gottlieb” Biedermann die rechte Mischung aus brutalem Macho, der seine Frau verprügelt, smartem Unternehmer und liberalem Mitmenschen. Doch hinter der biederen Maske versteckt sich der eiskalte Geschäftsmann, der seinen treuen Mitarbeiter in den Selbstmord getrieben hat.

Den Brandstiftern aber, die sich zynisch auch als solche vorstellen, gewährt er zögernd Obdach und beweist ihnen seine „Toleranz”, weil sie an sein soziales Gewissen appellieren: „Schlechte Kindheit, nie eine Chance gehabt...”

Herrlich anarchisch, verschlagen und komisch verkörpert Michael Witte den raffinierten Underdog und Brandstifter Josef Schmitz, der hier im Rheinland als „Jupp” seine feurigen Kapriolen treiben darf. Ihm glaubt man ebenso wie dem grandiosen Karsten Meyer als zweitem Brandstifter Eisenring, dass auch die Biedermänner unserer Tage „mit brennender Intensität” geschickt ausgetrickst und manipuliert werden können.

Bevor die Benzinfässer im Dachgeschoss lagern und die berühmte Streichholz-Frage im Raum steht, präsentiert die gagreiche Inszenierung eine Glitzer-Discoshow mit wechselnden „Moden”.

Was ist tragbarer: Liberalismus, Faschismus oder Islamismus? Vielleicht eher Opportunismus? Gänsebraten und Saufgelage krönen die „Verbrüderung” zwischen Biedermännern und Brandstiftern - und ein überraschender Rollentausch bringt neue Spannung.

Am Ende überzeugt Ulrich Haß als intellektueller „Distanzierer” der nicht schuld sein mag. Kräftiger, anhaltender Beifall für den fesselnd inszenierten Einakter und die hochkarätigen Schauspieler.