Aachen: Malerin lenkt im Aachener Raum für Kunst die Blicke auf feine Details

Aachen : Malerin lenkt im Aachener Raum für Kunst die Blicke auf feine Details

Vom immer gleichen Standort schaut die Malerin Anja Bayerwaltes auf das (scheinbar) immer gleiche Grün. Vor dem Fenster ihres Ateliers präsentiert sich ein Hügel mit Baumgruppen und Büschen, deren Silhouetten, Formen und Farben sie beobachtet und mit langen, meditativen Blicken in ihrer stetigen Veränderung wahrnimmt.

Für die Betrachtung nimmt sich die in Belgien lebende Malerin viel Zeit und setzt Details in den Fokus.

Kleine Variationen ergeben sich Stunde für Stunde durch wechselnde Licht- und Schattenverhältnisse, durch das Wetter und das Wachstum der Pflanzen. Mit feinen Bleistiftzeichnungen, die nur der oberen Silhouette der Baumwipfel gewidmet sind, hält sie die Wandlung durch das Wachstum fest und hängt gleich 28 Werke als Serie zusammen, um die subtilen Unterschiede zu präsentieren. Mit ausschließlich 28 Linien auf weißem Papier in weißen Rahmen auf der weißen Wand schafft Anja Bayerwaltes ein Meisterwerk der Reduktion, das in der großzügigen Weite des Aachener Raums für Kunst einen wunderbaren Platz gefunden hat.

Wie die Künstlerin mit dem Prinzip des Übens, des ständigen Wiederholens ihrer Tätigkeit arbeitet, tut dies auch der Betrachter. „Ruminatio“ oder profan „Wiederkäuen“ nennt sich die Methode, die auf alten Meditationstechniken beruht und in allen Kulturkreisen noch heute Anwendung findet. War sie früher eine meist Mönchen vorbehaltene Technik der Aneignung religiöser Schriften oder Klänge, steht sie heute als Lerntechnik allen Menschen zur Verfügung. Allein schon im Abschreiten der Bilder, beim bewussten Schauen, erlebt der Betrachter eine Gehmeditation, die seinen Blick zunehmend für mehr und mehr Details öffnet, obwohl er scheinbar auf gleiche Bilder schaut.

Die Serie ist für Bayerwaltes die angemessene Präsentationsform, da sie so die kleinen, verborgenen Details zeigen kann, ob Farbkontraste in den Grüntönen oder Blattbewegungen. Die Bilder-Serie eines Bambusbusches etwa beginnt mit fünf Arbeiten am Eingang des Raumes, schließt mit weiteren sieben am Kopfende und bietet zwölf subtile Variationen von Zuständen. Dabei geht es der Malerin ausdrücklich nicht um bloße Abbildung von Natur, sondern um das Interesse am zunächst Verborgenen, das sich nur offenbart, wenn man sich übend und wiederholend wie ein Wiederkäuer um die Erschließung bemüht. Neben den Bambus- und Baumwipfel-Serien gibt es eine dritte: Auch dafür nimmt die Malerin immer denselben Standpunkt ein und schaut Nacht für Nacht auf die Beleuchtung von Straßen und Dörfern.

Die Ausstellung besticht durch ihre ruhigen, aber in sich lebendigen Grüntöne, die Serien und die ebenfalls ruhige und großzügige Hängung, die eine meditative Auseinandersetzung mit den Bildern erlaubt.

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