Alsdorf: Mai-Klassik-Festival bietet hochwertige Kammermusik

Alsdorf : Mai-Klassik-Festival bietet hochwertige Kammermusik

Der erste der beiden Probenblöcke für das Mai-Klassik-Festival in Alsdorf ist abgeschlossen. Ob das, was die Musiker zunächst für sich in Zürich, Frankfurt oder Berlin einstudiert haben, später im Ensemble harmoniert, ist nun ausgelotet.

Mit dem künstlerischen Leiter des Festivals, Professor Hans-Christian Schweiker, der selbst als Cellist mitwirkt, sprach Verena Müller über seinen persönlichen Werdegang und das Besondere am Konzertreigen im Energeticon.

Der künstlerische Leiter des Mai-Klassik-Festivals in Alsdorf: Hans-Christian Schweiker. Foto: Jochen Rolfes

Herr Schweiker, Sie haben mir eben kurz Ihr Engagement in diversen Ensembles und Ihre Tätigkeit an der Musikhochschule Köln, Abteilung Aachen, beschrieben — was ich noch nicht weiß, ist, wie Sie überhaupt zur Musik gekommen sind. Sie sind in Reutlingen geboren. Sind Sie dort auch aufgewachsen?

Schweiker: Ja, in einem sehr kleinen Dorf in der Nähe von Reutlingen.

Man hört es noch ein bisschen.

Schweiker: Ja, ganz sicher (lächelt). Mein Großvater hat sich mit Ende 20 in einem Kuh-Fuhrwerk auf den Weg nach Stuttgart gemacht, um ein Klavier zu kaufen. Das war schon eine ziemliche Strecke. Er wollte das eben unbedingt und hat sich das Klavierspiel selbst beigebracht. Sogar das Stimmen. Ich habe übrigens später seine Noten gefunden. Das waren anspruchsvolle Stücke . . .

Hat er Sie für die Musik begeistert?

Schweiker: Meine Mutter. Die hatte Unterricht genommen, mit dem Spiel aber aufgehört, nachdem ihre Klavierlehrerin, eine Jüdin, deportiert worden war. Erst als wir Kinder — mein Bruder ist fünf Jahre, meine Schwester drei Jahre älter als ich — geboren wurden, nahm sie es wieder auf. Wenn meine Geschwister übten und einen Fehler machten — so hat es mir meine Mutter später erzählt —, bin ich wohl immer vom Mittagsschlaf aufgestanden, an die Treppe gegangen und habe „falsch!“ runtergerufen. Ich war also zum Pädagogen geboren (lacht).

Wie kamen Sie aufs Cello?

Schweiker: Als Kind hatte ich zufällig Cello-Spiel gehört, da stand für mich fest: Ich werde Cellist. Mit sechs Jahren hatte ich mit dem Klavierspiel begonnen, mit zehn mit dem Cello und mit elfeinhalb stellte mein Lehrer fest, dass ich gar keine Noten lesen kann. Ich habe die Melodien im Kopf gehabt.

Das ist sehr außergewöhnlich. Zum Studium sind Sie nach Köln gegangen — und dort geblieben. Haben Sie nie darüber nachgedacht, in Ihre Heimat zurückzukehren?

Schweiker: Auf meinem Schreibtisch lag tatsächlich mal eine Stellenausschreibung für Stuttgart. Nach ein paar Tagen habe ich sie aber in den Papierkorb geworfen.

Warum?

Schweiker: Ach wissen Sie, ich hab mir vorgestellt, wie ich da morgens die Musikhochschule betrete und mich mein Assistent mit den Worten begrüßt: „Guten Morgen, Herr Profeschor, der Student isch scho oben“ (spricht mit schwäbischem Dialekt). Also nein, das wollte ich nicht. Wenn Sie die Mentalität der Rheinländer und vor allem der Aachener einmal kennengelernt haben, wollen Sie das nicht missen. Auch die diese fantastische Umgebung und den frankophilen Touch. Das mag ich schon sehr.

Wie schnell haben Sie im Rheinland musikalisch Fuß gefasst?

Schweiker: Ich bin sehr früh Assistent von Professor Boris Pergamenschikow geworden, erhielt direkt eine Einladung, bei einem sehr guten Streichquartett mitzuspielen und bin später Kammermusikpartner des Amadeus-Quartetts geworden. Dann wurde sowohl in Köln als auch in der Abteilung Aachen eine Stelle frei, ich entschied mich aber für den Lehrauftrag in Aachen. Ich dachte, ein bisschen Abstand sei vielleicht ganz gut.

Inzwischen entscheiden Sie bei den Aufnahmeprüfungen über die Karrieren anderer mit.

Schweiker: Ich unterscheide zwischen Musikern und Instrumentalisten. Manche spielen fehlerfrei, aber in immer gleicher Farbe. Dann ist man versucht, nebenbei im Lebenslauf zu blättern. Wenn meine Kollegen und ich aber mit aufgerissenen Augen dasitzen, ist meist klar, dass hier jemand Talent hat. Und der darf auch noch nicht ganz ausgereift spielen.

Wie ist der Umgang zwischen Ihnen und den Studenten?

Schweiker: Kollegial. Oder vielleicht bin ich wie der große Bruder. Ich bin ja schon wahnsinnig alt . . .

Wie alt eigentlich?

Schweiker: 59. In dem Alter hat man aber so ziemlich alles erlebt. Ich kann also zu einem Schüler sagen: „Das kenne ich. Als ich das Stück geübt habe, habe ich eine Woche lang geweint, so verzweifelt war ich.“ Und ihm helfen, wie er das überwindet.

Wie gehen Sie da vor?

Schweiker: Ich vergleiche meine Arbeit gerne mit der eines Fußballtrainers. Im Grunde geht es um dieselbe Frage: Wenn man technisch auf der Höhe ist — wie kann man das im entscheidenden Moment abrufen? Wie kriegt man es hin, dass der Musiker auf der Bühne „platzt“ ? Spieler werden ja nach einem Trainerwechsel auch nicht über Nacht besser. Es ist alles eine Frage der Ansprache und der inneren Einstellung.

Ihre Frau haben Sie auch als Studentin kennengelernt. Nicht Ihre, natürlich, sie ist Pianistin.

Schweiker: Ja. Sie kam mit 18 zum Klavierstudium aus Südkorea nach Deutschland. Ich hatte zufällig einmal mit angehört, wie sie mit einem meiner Studenten probte. „Die spielt wahnsinnig toll“, war mein erster Gedanke. Mit der Zeit haben wir uns besser kennengelernt. Irgendwann haben wir uns dazu entschieden, es miteinander zu versuchen. Auch als Duo, wovon viele ja abraten. Aber es funktioniert! Selbst wenn wir uns bei der Probe gestritten haben, bringe ich nachher zu Hause den Müll raus. (lacht)

Klingt so, als hätten Sie großes Glück gehabt, einander begegnet zu sein.

Schweiker: Wir sind seelenverwandt, das denke ich auch. Ich sage immer, dass ich die erste Ehe ausgelassen habe, weil ich erst in einem Alter geheiratet habe, in dem sich meine ehemaligen Kommilitonen schon wieder haben scheiden lassen.

Jetzt sind wir ziemlich vom Thema abgekommen. Wir waren dabei stehengeblieben, dass Sie seit 1991 die Professur in Aachen innehaben.

Schweiker: 27 Jahre . . . Das ist schon eine lange Zeit. Aber wenn man so lange an einem Haus ist, hat man dort ein gutes Leben. Vielleicht auch, weil ich so manches Angebot aus anderen Häusern ausgeschlagen habe. Das wird schon registriert und wertgeschätzt. Ich merke das anhand der guten Ausstattung, die ich habe, und daran, dass alles problemlos und glatt läuft. Ohne diesen Hintergrund wäre übrigens das Mai-Klassik-Festival gar nicht möglich.

Mehr von Aachener Nachrichten