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Aachen: Luther und Potter: Vom Reformer zum Zauberlehrling

Aachen : Luther und Potter: Vom Reformer zum Zauberlehrling

Nur noch wenige Stunden, und die Harry-Potter-Fans können sich endlich in das neue Werk „Der Orden des Phoenix” vertiefen.

In der Nacht zum Samstag startet der Verkauf. Eine Menge Zauber und Mystik steckt in jedem der Bände. Und Autorin Joan K. Rowlings hat sich gut informiert - unter anderem bei Reformator Martin Luther.

Der neue Kinofilm über ihn ist gerade in den Kinos angelaufen. Über „Luther” und die Wirkung von Harry Potters Magie sprachen wir mit Uwe Rieske-Braun, evangelischer Pfarrer in Aachen.

Was er, der Fachmann, als evangelischer Theologe vom neuen Kinofilm „Luther” hält? „Fabelhaft, der ist wirklich gelungen”, sagt Pfarrer Uwe Rieske-Braun mit voller Überzeugung. Und er gibt gleich zu, dass er der US-Produktion mit Stardarsteller Joseph Fiennes eher skeptisch entgegen sah.

„Natürlich gibt es drastische Szenen, etwa Rom in seiner großen Verderbtheit. Aber alles ist sehr ernsthaft aufgearbeitet.” Und wie es zur Wende kam, was man als „reformatorischen Impuls” bezeichnete, teile sich dem Zuschauer gut mit.

„Die Rede in Worms ist nahezu wörtlich übernommen worden, das hat mich erstaunt. Und man versteht auch, dass die Entdeckung der Bibel, die Luther übersetzt hat, durch das einfache Volk eine echte Errungenschaft war.”

Was Rieske-Braun noch interessanter findet, ist die zeitliche Nähe des Films zum Erscheinen des neuen Harry-Potter-Werkes aus der Feder von Joan K. Rowlings. „Luther und die Magie”, ein Thema, das offensichtlich nicht nur den Seelsorger des Gemeindebezirks Annakirche fasziniert.

„Ich habe alle diese Bücher gelesen, und ich weiß nun sicher, dass sich die Autorin mit dem beschäftigt hat, was man als magische Praxis im Spätmittelalter bezeichnen könnte.”

Eine großartige Quelle für den Potterr-Zauber war offenbar eine „Magiekritik”, die der Reformator unter dem Motto „Glaube und Aberglaube” zwischen 1516 und 1518 veröffentlichte. „Das hat durchaus etwas mit der in Luther reifenden reformatorischen Theologie zu tun. Er geht darin auf die Volksfrömmigkeit ein, die vielfach von magischen Ritualen durchzogen war.”

Und da kommt nicht nur die Ablasskritik vor. „Zum Beispiel der Glaube an die Möglichkeit, dass Menschen über weite Strecken durch die Luft transportiert werden können, wenn sie ein bestimmtes Ritual vornehmen.”

Bei Harry Potter ist es das Zauberpulver, das er in den Kamin streuen muss. „Von Hexen hieß es, sie würden auf einem Besen durch die Luft fliegen, der Feuerblitz bei Harry Potter ist so ein moderner Besen. Die Möglichkeit, dass sich Menschen in Tiere verwandeln, spielt auch mit.”

Dass man eine Menge über magische Praktiken, sowie über durchaus im religiösen Sinne verwendete Dinge (Kräuter, Amulette usw.) weiß, ist nicht zuletzt der Buß- und Beichtliteratur zu verdanken.

Hier wurde einst präzise all das aufgelistet, was sich so auf diesem Sektor tummelte - eine Menge Stoff, der Autoren wie Joan K. Rowlings zur Verfügung stand. „Es gab Sprüche und Talismane, die man zum Beispiel Kindern als Schutzbriefe um den Hals hing. Luther warnte nicht zuletzt aus dem Bewußtsein heraus, dass so etwas wirlich Wirkung hat, dass man damit buchstäblich ,in Teufels Küche kommen kann.”

Ist der spielerische Umgang mit dieser Materie ein Risiko in Zeiten, wo eine Neigung zum Okkulten Sorge bereitet? „Überhaupt nicht. Harry Potter vermittelt den Kindern, dass sie eigene Kräfte entwickeln können, er fördert Ich-Stärkung und Fantasie.”

Allein die Tatsache, dass Rowlings Hauptperson allerhand Schweres durchmachen muss, gefällt ihm als Vater von zwei Kindern (10 und 13 Jahre alt). „Harry Potter zeigt, dass man die positiven Kräfte in sich selbst suchen und finden kann, dass man eine Schulausbildung absolvieren und sich anstrengen muss.”

Was er fordert, ist ein angstfreier Umgang mit dem Thema Magie - so wie es Luther in seinen warnenden, aber zugleich entlarvenden Schriften getan hat. „Kinder brauchen Geschichten, selbst die Bibel hat ja tolle Geschichten. Aber man sollte sie dabei begleiten.” Den neuen Harry Potter wird er natürlich lesen. „Und mit meinen Konfirmanden gehe ich in den Luther-Film, den habe ich sogar in der Kirche empfohlen...”