Aachen: Ludwig-Forum zeigt multimediale Foto-Installation von Armin Linke

Aachen : Ludwig-Forum zeigt multimediale Foto-Installation von Armin Linke

„Offener, diskursiver, politischer“ — unter diesem dreifaltigen Motto hat Andreas Beitin erklärtermaßen sein Amt als Direktor des Aachener Ludwig Forums angetreten. Die neue Ausstellung — eine Präsentation von Aufnahmen Armin Linkes, eines der herausragenden Fotografen Europas — wird dem Leitgedanken bereits thematisch gerecht.

Der gebürtige Mailänder, der heute in seiner Heimatstadt und in Berlin lebt, dokumentiert seit 20 Jahren in seinen Fotografien die Auswirkungen der Globalisierung — ökonomisch, ökologisch, geologisch, architektonisch, politisch, sozial, kurz: in jeder erdenklichen Hinsicht. Eine halbe Million Aufnahmen sind mittlerweile entstanden.

Nun bescheidet sich Linke nicht allein damit, Bilder sprechen zu lassen — er interessiert sich darüber hinaus auch für den Rezeptionsprozess selbst: welche seiner Fotos zum Beispiel kompetenten Betrachtern besonders wichtig sind und welche Gedanken sie dazu entwickeln. Das macht die Sache etwas kompliziert.

Auswahl aus 20.000 Aufnahmen

So hat er 20.000 Aufnahmen aus seinem Archiv sieben Wissenschaftlern, Philosophen und Kulturanthropologen vorgelegt, die wiederum für die Ausstellung nicht nur eine subjektive Auswahl getroffen, sondern sie auch mit textlichen und gesprochenen Kommentaren, zum Teil im Gespräch mit dem Fotografen, versehen haben. Entstanden ist dabei nicht eine einfache Fotoausstellung, sondern eine multimediale Gesamtinstallation unter dem poetisch klingenden Titel „The Appearance Of That Which Cannot Be Seen“ (Die Erscheinung dessen, was nicht gesehen werden kann).

Was wohl so viel heißen soll, dass man hinter die äußerlichen Erscheinungen blicken soll, um die im Hintergrund wirkenden Prozesse zu erkennen und zu verstehen. Zum Konzept gehört, dass ein Inszenierungsteam den Aufbau besorgt — frei im Raum stehende Stellagen mit Fotografien unterschiedlichsten Formats. Das gewährt einen überaus reizvollen Rundgang.

Wir blicken auf einem Bild in einen Hörsaal-ähnlichen Raum, in dem allerdings keine Studenten sitzen, sondern Blumenkäufer, die elektronisch auf Blumen bieten, deren Herkunfts-, Qualitäts- und Bezeichnungsmerkmale auf riesigen Bildschirmen angezeigt werden. Die Auktion findet statt in einem der größten Gewerbegebäude der Welt in der Nähe des Amsterdamer Flughafens Schip-hol. Innerhalb von Sekunden werden die Waren hinter den Kulissen den Logistikketten der Käufer zum Versand zugeführt. Daten, Elektronik, Handel, Verkehr — das alles ist unfassbar perfekt durchtechnisiert und dennoch „ein großes Mysterium“, kommentiert der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour das Bild.

Der Schreibtisch des wichtigsten Brokers an der Pariser Börse lässt mit seiner Überfülle an Bildschirmen die ganze Komplexität der weltweiten Kommunikationsebenen ahnen.

In Sarajevo gibt es tatsächlich ein Museum, das sich ausschließlich der Zeit der Belagerung durch die bosnisch-serbische Armee während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 widmet. Das zentrale Exponat hat Armin Linke fotografiert: ein Satellitentelefon mit einer Schirmantenne wie ein Regenparapluie.

Natur wird simuliert

Die Skihalle in Tokio gerät gleich mehrfach zum Symbol einer sich global verändernden Welt: als universelles Bedürfnis und auch noch realisierbarer Wunsch, Natur simulieren zu können, und als Detail des Phänomens, dass sich die Regionen der Welt immer mehr angleichen. Skihallen soll es ja selbst in Dubai geben.

Mit der allgemeinen Vernetzung wächst auch das Maß an Gefährdung: Wikileaks hat ein CIA-Bild von einem der kritischsten geopolitischen Gegenden der Welt veröffentlicht: ein Ort in Sibirien, an dem sich zwei wichtige Pipelines kreuzen. Eine Bombe hier, und die halbe Gasversorgung Europas wäre lahmgelegt. Linke ist über die Stelle mit einem gemieteten Helikopter von Gazprom hinweggeflogen. Eigentlich ging es bei der Exkursion nur um eine Wirtschaftsrecherche einer russischen Universität.

Naiv wirkt die private Idylle, in der japanische Familien auf einem grünen Hügel picknicken — über ihnen gewaltige Parabolspiegel und Antennen für den globalen Datenaustausch. Da treffen Welten unmittelbar aufeinander.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM), dem Kunstmuseum Mailand und dem Zentrum für Fotografie Genf, wo sie nach Aachen noch im Anschluss gezeigt wird.

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