1. Kultur

Köln: Lit.Cologne: Woran merkt man, dass man alt wird?

Köln : Lit.Cologne: Woran merkt man, dass man alt wird?

Am Nachmittag hört Christine Westermann WDR 5. Und muss erst mal schlucken. Da geht es um den „Abend übers Älterwerden”, den sie in wenigen Stunden moderieren wird, und sie, die 58-Jährige, wird als „die große, alte Dame des Radios” bezeichnet. Würdigung oder Beleidigung?

Und schon sind wir mitten drin im Thema: Ab wann ist man alt? Ist es eine Schande oder eine Gnade, alt zu sein? Bringt das nur Nachteile mit sich? Oder womöglich auch Vorteile? Barbara Bronnen (68), Hellmuth Karasek (74) und Henning Scherf (68) haben dazu Montagabend an Bord des MSRheinergie in 90 Minuten eine Menge zu sagen.

600 Menschen wollen wissen, was. Alle drei, die Schriftstellerin, der Film- und Literaturkritiker und der Ex-Bürgermeister von Bremen (1995-2005) haben ein Buch geschrieben, in dem es ums Älterwerden geht. Ideal für eine Veranstaltung im Rahmen der Lit.Cologne. Und ganz klar ein Treffer: Alt werden ist etwas, das uns alle angeht. Weil wir alt sind. Weil wir alt werden. Oder genau das nie wollen.

Auch diese Veranstaltung ist ausverkauft. Westermann, bekannt durch die TV-Sendung „Zimmer frei!”, für die sie 2000 zusammen mit Götz Alsmann den Grimme-Preis erhielt, ist als Moderatorin einfach wunderbar. Charmant, mutig und entwaffnend.

Für Äußerungen wie „Manchmal, wenn ich mich schäme, fühle ich mich wie fünf” möchte man sie knuddeln. So etwas lockert die Atmosphäre auf. Dabei haben die vier auf dem Podium ohnehin einen guten Draht zueinander. Das spürt man. Jeder lässt jeden zu Wort kommen und hört dem anderen aufmerksam zu.

Ab wann ist man alt? Und woran merkt man das? Bronnen kolportiert die Frage der Enkeltochter einer Freundin: „Wie ist das, wenn man alt wird?” Und die Frage nach dieser ist die Frage: „Wie hält man das aus?” Karasek berichtet treuherzig: „Ich schwimme sehr gern. Früher bin ich geschwommen, um mit den anderen Kerlen Mädchen ins Wasser zu schmeißen. Heute schwimme ich wegen der Gesundheit. Das ist sehr langweilig”.

Und Scherf sieht das Altwerden primär positiv: „Manches geht besser als vor zehn Jahren. Mich jagt keiner mehr”. Davon handelt auch sein Buch „Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist”.

Während die Sonne untergeht und das Schiff Richtung Südbrücke über den Rhein tuckert, liest Barbara Bronnen aus ihrem Briefroman „Am Ende ein Anfang”. Darin geht es um ein ehemaliges Paar, das sich mit 70 vor die Alternative gestellt sieht, noch einmal eine Liebesbeziehung einzugehen. Sex im Alter? Erotische Sehnsucht nach strafferen Körpern? Umgang mit Gelüsten, die niemand mehr stillt? Auch das wird an diesem Abend nicht ausgespart. Westermann sei Dank.

Karaseks „Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten” ist autobiografisch. Ein „fröhliches Lamentieren” (Westermann), das zugleich zum Lachen und zum Nachdenken anregt. So, wie der ganze Abend. Der Mut zum Weitermachen macht. Ja. Alt werden, das bedeutet, Namen zu vergessen und Dinge zu verlegen. Verlust zu erleben und Krankheit zu überstehen. Zu wissen, dass die Zeitspanne, die bleibt, immer kürzer wird.

Aber auch, sich über einen linden, sonnigen Frühlingstag immer noch freuen zu können. Früher unglaublich wichtige Dinge wie Karriere nicht mehr wichtig nehmen zu müssen. Und freier reden zu können: „Mit Worten um sich zu schlagen, weil die Kraft zu nichts anderem mehr reicht, ist das Privileg des Alters” (Hellmuth Karasek).