Aachen: Lisa Halliday verarbeitet in ihrem Romandebüt eine Romanze

Aachen : Lisa Halliday verarbeitet in ihrem Romandebüt eine Romanze

Die entscheidende Frage, die es hier zu beantworten gilt, lautet: Ist das Romandebüt der in Massachusetts aufgewachsenen Lisa Halliday tatsächlich so gut, wie allenthalben behauptet wird? Es gab jedenfalls lange keinen Erstling mehr, der in den wichtigsten Zeitungen und Magazinen auch hierzulande so episch und wohlwollend besprochen wurde wie „Asymmetrie“.

Dabei sei daran erinnert, dass seit einiger Zeit fast jedes Debüt aus den USA als das nächste große Ding gefeiert wird. Sehr gerne ist dann in den PR-Abteilungen der Verlage vom nächsten „Großen amerikanischen Roman“ die Rede — der „Great American Novel“, sozusagen das Ideal eines Romans, der exemplarisch das Wesen der USA beschreibt. Im Grunde also der beste amerikanische Roman, der jemals geschrieben wurde. Um es gleich vor- wegzunehmen: Das ist „Asymmetrie“ nicht.

Gefundenes Fressen

Es stellt sich noch eine weitere Frage. Sie mag ein bisschen gemein sein und doch liegt sie auf der Hand: Hätte dieser Roman auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn die heute 40-jährige Autorin Halliday darin nicht ihre Beziehung zu dem im Mai gestorbenen Philip Roth verarbeitet hätte? Im Grunde ist es eine rhetorische Frage, denn natürlich wird die Tatsache, dass hier über den literarischen Großmeister Roth geschrieben wird, den einen oder anderen in seiner Kaufentscheidung beeinflusst haben oder noch beeinflussen. Für Roth-Fans ist dieses Buch ein gefundenes Fressen, ja ein Muss, weil es einen interessanten Schlüssellochblick erlaubt in das Privateste des US-Autors.

Lisa Halliday hat in einem Interview verraten, dass die Beschreibung ihrer Romanze mit Roth auf wahren Begebenheiten beruht. Roth heißt im Buch Ezra Blazer, Halliday trägt den Namen Mary-Alice Dodge. Sie ist 25, Blazer in den 70ern und wie Roth ein berühmter Schriftsteller, nach dem sich die Menschen auf den Straßen von New York umschauen. Wenn man weiß, dass es sich bei Ezra Blazer um Philipp Roth handelt, dann hat man Letzteren bei der Lektüre permanent vor Augen.

Selbst, wenn man wollte, man wird Roth nicht mehr los. Jeder Roth-Leser wird sich ja irgendwann einmal gefragt haben, ob der Autor das, was er in seinen preisgekrönten Büchern über das Liebesleben von Frau und Mann zum Besten gegeben hat, tatsächlich erlebt oder nur frei erfunden hat. Dieser Roman liefert die eindeutige Antwort.

Fürsorglicher Liebhaber

Das Schöne an diesem bemerkenswerten Buch ist jedoch, dass Roth nicht als ein sexbesessener alter Mann beschrieben wird, sondern als ein zerbrechlicher, sehr fürsorglicher Liebhaber, der sich zwar vor einer festen Beziehung fürchtet, zu Alice aber wie ein guter Vater ist. Nein, Ezra Blazer ist kein selbstbezogener Macho, wie man ihn aus Roth-Romanen kennt, sondern ein verlässlicher Freund. Frau Halliday muss Herrn Roth geliebt haben. Daran kann kein Zweifel bestehen.

Man mag es kaum glauben, doch es ist geradezu rührend, wenn das Liebespaar im Bett liegt und gemeinsam Baseball schaut. Im konkreten Fall erleben wir mit Ezra, einem Yankee-Fan, und Alice, Fan der Boston Red Sox, die legendäre Halbfinalserie zwischen den beiden Erzrivalen aus dem Jahr 2004. Am Ende setzen sich die Red Sox durch und gewinnen schließlich sogar den Titel. Ezra trägt die Niederlage mit Fassung, was einem Wunder gleichkommt, weil ein Yankee-Fan einem Red-Sox-Fan eigentlich nichts Gutes wünscht. Doch die Freude von Alice über den Sieg der Red Sox erweicht Ezras altes Herz. Wunderbar!

Kaum ist man eingetaucht in die Liebesgeschichte von Alice und Ezra, da geht sie auf geradezu brutale Art und Weise zu Ende. Nicht, dass die Lovestory zwischen den beiden zerbricht, nein, Autorin Halliday wendet sich einfach in einem zweiten Teil des Romans mit dem Titel „Wahnsinn“ einer völlig anderen Erzählung zu. Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand auf dem Weg nach Nahost, wird am Londoner Flughafen in Gewahrsam genommen.

Und landet im Vakuum von Wartesälen und endlosen Verhören. Der Liebesgeschichte im ersten Teil mit dem Titel „Verrücktheit“ folgt die Lebensgeschichte eines Irakers. Und die ist beeindruckend geschrieben — man könnte auch sagen, dass Lisa Halliday (oder Alice Dodge) alles, was sie von Philipp Roth (oder Ezra Blazer) gelernt hat, in die Geschichte gepackt hat.

Endlich der Nobelpreis!

Und dann gibt es noch einen dritten Teil — „Ezra Blazer bei Desert Island Discs“. Hier kommt dann wieder der berühmte Autor Blazer ins Spiel, der von einer BBC-Journalistin interviewt wird. An einer Stelle im Interview verweist Blazer auf eine Kollegin, die mal über den Irak geschrieben habe. In dem Moment wissen wir als Leser, dass die Romanze mit Alice nicht gut endete. Und während Roth — zumindest in Hallidays Roman — den Literatur-Nobelpreis erhält, redet von der Autorin Mary-Alice Dodge kein Mensch.

Die Realität sieht anders aus. Lisa Halliday ist aktuell in aller Munde. Der größte amerikanische Roman aller Zeiten ist ihrer aber nicht. Übrigens wurde dieser schon 1973 veröffentlicht — von keinem Geringeren als Philipp Roth. Ein Buch über Baseball. „The Great American Novel“. Besser geht es nicht. Lisa Halliday wird das verkraften.

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