1. Kultur

Linie 1 im Das Da Theater Aachen begeistert

Premiere im Aachener Das Da Theater : Mit der „Linie 1“ ins Westberlin der 80er

Das Ensemble des Aachener Das Da Theaters brilliert in der Neuinszenierung des Kult-Musical „Linie 1“. Ein Abend voller Leichtigkeit und mit einer tollen Live-Band.

Endlich hat Aachen sie wieder, seine U-Bahn. Wer im Das Da Theater in die „Linie 1“ steigt, den zieht das Musical direkt ins Westberlin der 80er Jahre, mitten hinein in gekachelte U-Bahnhöfe und besprühte Waggons, mitten ins Großstadtpanoptikum verschiedenster Typen und Figuren mit ihren ganz eigenen Geschichten und Schicksalen. Dort begegnet man der unbekümmert-neugierigen Sunny (Mariyama Ebel) aus Westdeutschland, die sich, Alice im Wunderland gleich, am Bahnhof Zoo ins unterirdische Getümmel stürzt. Auf der Suche nach Johnny, dem Rockmusiker, der ihr Herz erobert und ihr eine Schwangerschaft beschert hat, trifft sie auf seltsame Gestalten, schräge Vögel, auf Penner, Punks, Jugendliche ohne Perspektive, auf Nachtschwärmer, frustrierte Arbeiter, Touristen und Familien, auf Ausländer und Rassisten und, und, und . . .

Fünfköpfige Liveband spielt

Was sie erlebt, ist heute so aktuell wie vor 33 Jahren, als das Grips-Theater das Musical zum ersten Mal gezeigt hat. Dass die Geschichte in Westberlin der Vorwendezeit passiert, bleibt aber klar: „Haste mal ne Mark?“ Und die eine oder andere Klamotte dürfte in so manchem Zuschauer lebhafte Erinnerungen geweckt haben.

Transportiert und vorangetrieben wird die Story von der Musik, die – anders als vor zwölf Jahren bei der ersten Erfolgsinszenierung des Das Da Theaters – diesmal nicht vom Band, sondern von der fünfköpfigen Liveband kommt, die über dem Geschehen thront und auf exzellente Art Ton und Takt angibt. So wirken die tollen Gesangsnummern der Darsteller noch näher, dichter.

Sensationell die Bühne von Frank Rommerskirchen: 16 Meter breit, sechs Meter hoch, vorne ein gefliester Bahnsteig, dahinter ein U-Bahn-Waggon, an den Seiten die Treppenaufgänge, mit so vielen kleinen Details, die eine unfassbar authentische Stimmung erzeugen. Die neun Ensemblemitglieder wirbeln zweieinhalb Stunden wie unter Strom über diese Bühne und spielen rund 80 Figuren – eine darstellerische und auch logistische Meisterleistung. Die Figurenführung ist so minutiös ausgearbeitet, dass die Fahrgäste sogar synchron das Gewicht verlagern, wenn die U-Bahn anfährt oder bremst.

Jeder einzelne Schauspieler gibt zwischen sechs und elf völlig unterschiedliche Typen, von denen jede ihr Päckchen zu tragen hat – manchmal auch nur eine Plastiktüte von Plus (inzwischen längst Netto). Toll: Mariyama Ebel, die ihrer Sunny die nötige Unbedarftheit und Leichtigkeit verleiht, ohne als Klischee vom naiven Dummchen vom Lande zu wirken. Die aber zugleich ihrer Figur glaubhaft gestattet, an der Situation (schwanger, abgehauen von zu Hause, verloren in der großen Stadt) zu verzweifeln und zu wachsen. Sensationell auch die kleinen heiteren Momente, etwa wenn die Darsteller plötzlich Dialekte sprechen oder urkomische Tanzeinlagen bringen. Einer von etlichen Höhepunkten: der Auftritt der erzreaktionären Wilmersdorfer Witwen, allesamt gespielt von den männlichen Darstellern.

Intendant Tom Hirtz hat wie bereits im Jahr 2007 die Regie übernommen. Trotz aller gesellschaftskritischen Themen, die dem Stück innewohnen (Jugendarbeitslosigkeit, Einsamkeit, Suche nach dem persönlichen Glück, Obdachlosigkeit, Drogensucht, Prostitution, Ausländerfeindlichkeit, Nationalsozialismus, . . .), hat er aus „Linie 1“ keineswegs ein Sozialdrama gemacht, sondern gibt dem Musical eine Leichtigkeit, von der sich die Zuschauer durchgehend bestens unterhalten fühlen. Zweieinhalb Stunden ohne eine Minute Langeweile! Das Premierenpublikum in Aachen hat Darsteller und Team völlig zu Recht mit minutenlangem Beifall und stehenden Ovationen belohnt.