Lena Willikens und Sarah Szczesny im Neuen Aachener Kunstverein

Neuer Aachener Kunstverein : Schuhe aus! Vorhang auf! Und eintauchen!

Lena Willikens und Sarah Szczesny entführen im Neuen Aachener Kunstverein in ihre Fan-Universen. Am Donnerstag wird die Ausstellung eröffnet. Am 2. Oktober gibt es eine Performance.

Schuhe aus! Und Vorhang auf! Sobald der weiße Stoff zurückgeschlagen ist, umfängt den barfüßigen Besucher eine wummernde, kreischende, blitzdurchzuckte Dunkelwelt in Schwarzgrauweiß. Reizüberflutung aus allen Ecken. Aus dem Dustern schälen sich langsam die Umrisse von Lautsprechern. „Where’s the fucking head?!“, jault es in Dauerschleife aus einem. Ja, hier zwischen Soundwolken und Monitorleuchten kann man tatsächlich den Kopf verlieren. Also: hinsetzen, Kopfhörer auf die Ohren, eintauchen, verweilen.

Im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) stellen zwei Frauen aus, die es Besuchern nicht gemütlich machen wollen. Nerven wollen sie aber auch nicht, betonen Sarah Szczesny (40) und Lena Willikens (41), die beide an der Kunstakademie Düsseldorf studiert haben. Seit 2015 arbeiten beide gemeinsam an ihrem audiovisuellen Projekt „Phantom Kino Ballett“, das schon in Galerien, Museen, Clubs und Theatern von Köln bis Kyoto Station machte, auf Kassette und Schallplatte gebannt wurde, sich aber als Installation in verschiedenen Räumen ständig weiterentwickelt und in Aachen als Performance auch nach außen dringen soll.

Im Erdgeschoss des NAK nimmt einem dieser wilde Zitat-Video-Klang-Mix mit verwirrender (Insider-)Wucht erst mal den Atem: Disney-Nilpferd trifft Warhol-Musen trifft Anna Oppermann trifft tanzende Berberteppiche. „Wir sind teilweise etwas kryptisch“, sagt mit wissendem Lächeln Lena Willikens, die vor allem als weltweit gebuchter DJ bekannt ist. „Es geht um Nervenzusammenbrüche und Grenzsituationen“, gibt ihre Kollegin eine kleine Hilfestellung. Inspiriert werden beide jedenfalls von japanischer (Pop-)Kultur – daher darf auch nur den weißen Teppich betreten, wer vorher seine Schuhe im aushängenden Beutel verstaut hat.

Im Obergeschoss dann Aufatmen: mehr Licht, mehr Luft, mehr Farbe, mehr Witz mit Sarah Szczesnys „Pastel Succubus“. Auf dem kühlen Beton dürfen auch die Schuhe wieder aus dem Beutel geholt werden. Auch hier kann der Besucher in ein Fan-Universum abtauchen und sich am Prinzip der assoziativen Collage abrackern. Die Schülerin von Rosemarie Trockel versammelt in Malerei und Videomomentaufnahmen (die titelgebenden) Dämoninnen und Idole, da wackelt etwa Elizabeth Taylor mit dem Hintern oder streckt Margit Carstensen die Zunge raus, alles slapstickartig vertont. Vor allem aber hat Szczesny in Japan ein Theater fasziniert, in dem nur Frauen spielen, auch alle Männerrollen. Mit Frack und Fliege, getuschten Wimpern und geschminkten Lippern. Eine schön schillernde „Gender-Gymnastik“.

Wer (oben und unten) in den zunächst hermetischen Kunstkosmos eindringen will, sollte vor allem eins mitbringen: Zeit. Und vielleicht ein paar dicke Socken.

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