Aachen: Lebendige Erinnerungen an Heino Cohrs

Aachen: Lebendige Erinnerungen an Heino Cohrs

Das wahre Geschenk an diesem Abend war ein liebevolles Gedenken, das mit jedem gesprochenen und gesungenen Wort spürbar wurde, aber auch die Rührung, die so mancher Schauspieler - sonst Profi auf der Bühne - nur mühsam in den Griff bekam, wenn sehr persönliche Erinnerungen an Heino Cohrs erzählte wurden oder jemand - gestützt von einem Zettelchen - einen besonderen Text sprach.

„Ein Abend für Heino” lautete die Hommage an den am kürzlich im Alter von 87 Jahren gestorbenen Schauspieler, der in über 50 Jahren am Aachener Theater rund 300 Inszenierungen durch seine intensive und zugleich zurückgenommene Kunst geprägt hat, Worte zum Leben zu erwecken und das Publikum zu faszinieren.

An diesem Abend kamen sie noch einmal in großer Zahl ins Große Haus, darunter zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus alten Zeiten, aber auch die Mitglieder des jetzigen Ensembles, allen voran Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck. „Heino hat uns alles verboten, was an Nachrede oder Begräbnis erinnern könnte”, so der Hausherr. „Aber er hat gern gefeiert und hat sich gern feiern lassen. Das haben wir beim Bühnenjubiläum gesehen. Deshalb gibt es heute ein Fest.”

Der Eintritt des Abends (die Karten wurden zum Einheitspreis von zehn Euro verkauft) kommt übrigens dem Förderverein des Luisenhospitals Aachen zugute, wo Heino Cohrs, wie er Schmitz-Aufterbeck einmal erzählt hat, nicht nur kompetent sondern auch stets sehr fürsorglich betreut wurde - bis zum Ende.

„Ein Fest für Heino”, wie kann man das gestalten? Auf jeden Fall als Mischung aus Nachdenklichkeit und Humor, aus Tragödie und Komödie, Sprache und Musik, denn die Operette - speziell ”Die lustige WitweÓ - war für den vielseitigen Schauspieler Heino Cohrs stets ein Vergnügen.

Es wird dunkel. Im Hintergrund leuchten wechselnde Bilder (manche verschwommen, andere wieder eindrucksstarke Studien) aus fünf Bühnenjahrzehnten auf, während im Vordergrund gesprochen, gesungen und musiziert wird. Die Gedanken der Zuschauer wandern - etwa zum „Mann aus La Mancha” 1963, zur noch recht frischen Erinnerung an „Orestie” und „Effi Briest” 2008 oder zurück zum „Eingebildeten Kranken” 1976. Am E-Piano sitzt Volker Hiemeyer, der Elisabeth Ebeling bei einem herben Knef-Song über das Abschiednehmen und Tenor Louis Kim beim Schmettern einer Arie aus der „Lustigen Witwe” begleitet. Aus dem Orchester hat sich ein kleines, mit sehr viel Charme im Stile von Kaffeehaus-Unterhaltung musizierendes Ensemble formiert, das ein schmissiges „Witwen-Medley” intoniert.

Selbst der Chor ist vollzählig erschienen, man verliest einen herzlichen Gedenktext an den Kollegen mit dem „sehr schlanken Tenor”, und singt temperamentvoll unter der straffen Leitung von Andreas Klippert wiederum aus einem Lieblingswerk Heino Cohrs´: Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt”. Der traurige „Styx”, einst „Prinz von Arkadien” und jetzt nur noch ein „Schatten”, war eine von Heino Cohrs´ Glanzpartien. Berührend lässt Karsten Born mit der Styx-Arie die Erinnerung daran aufleben. Videoeinspielungen - zum Teil Profi-Beiträge aus der WDR-Lokalzeit, aber auch kleine Mitschnitte aus Proben und sogar ein Kurzfilm („Herr Kulessa”) bringen Stimme und Persönlichkeit des Verstorbenen für einen Moment zurück ins Große Haus. Technisch ist das nicht immer leicht, denn vielfach sind die Mitschnitte überhaupt nicht zur Vorführung gedacht oder sogar von Freunden heimlich aufgezeichnet, weil Cohrs das nicht mochte.

So kann man vom „Wilhelm-Busch-Abend” nur etwas erahnen, aber selbst das genügt. Sie alle haben nachgedacht, Thomas Hamm etwa, der mit Cohrs in „Effi Briest” auftrat, Rainer Krause unter dem Shakespeare-Motto „Die ganze Welt ist Bühne”, Joey Zimmermann mit Gedichten von Matthias Claudius und Karsten Meyer, der George Taboris geistreiche Abrechnung mit dem Volk der Theaterkritiker ausgesucht hatte.

Schön und bewegend gegen Ende: Bass Pawel Lawreszuk, der Heino Cohrs nicht lange kannte, aber mit dem melancholischen russischen Volkslied vom hart arbeitenden schwermütigen Wolga-Schiffer, der immer leiser und „ferner” wird, den Nerv des Abends trifft. Herzlicher Applaus. Viele Menschen nutzen danach den Besuch im Theater noch, um sich mit einem Gedenken in das ausliegende Buch für Heino Cohrs einzutragen oder darin zu blättern.

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