Aachen/Bonn: Lars Vogt: „Ich bin Künstler und kein Bürokrat”

Aachen/Bonn: Lars Vogt: „Ich bin Künstler und kein Bürokrat”

Wer Lars Vogt zum Interview treffen will, der muss bereit sein, sich an einem grauen Sonntagvormittag in einem Bonner Hotelzimmer einzufinden. Gut eine Stunde hat der aus Düren stammende Starpianist Zeit, dann muss er zum Flughafen.

Sein Frühstück verdrückt der 39-Jährige nebenbei; er ist hochkonzentriert - und ein angenehmer, unprätentiöser Gesprächspartner, der allerdings das antiquierte, weil analoge Aufnahmegerät skeptisch mustert.

Vogt: Warum arbeiten Sie nicht mit einem digitalen Gerät?

Ich habe mit dem hier die besten Erfahrungen gemacht. Sind Sie ein Technik-Freak?

Vogt: In der Tat. Aber mittlerweile muss ich nicht mehr alles haben.

Das war mal anders?

Vogt: Absolut. Jetzt ist der iPod mein wichtigstes Gerät. Da habe ich tonnenweise Musik drauf.

Was zum Beispiel?

Vogt: Meine ganze Klassik-Sammlung natürlich, aber auch Heimbach-Mitschnitte. Ich höre damit aber auch CD-Produktionen ab, bevor sie erscheinen.

Was ist für Sie der authentische künstlerische Ausdruck: Das Konzert oder die Aufnahme im Studio?

Vogt: Das Konzert ist die lebendigere Entwicklung. Denn am nächsten Tag kann alles schon anders klingen.

Wovon hängen die Unterschiede ab?

Vogt: Die sind natürlich nicht riesengroß. Aber entscheidend sind die Stimmungen. Man taucht jeden Abend anders in die Stücke ein. Da sollte viel aus dem Moment und aus dem Dialog mit den Partnern entstehen.

Spielen Sie lieber mit einem großen Orchester, in einem kleinen Kammermusikensemble oder solo?

Vogt: Irgendwo ist für mich alles Kammermusik. Denn alles entsteht aus dem Dialog. Selbst beim Solo, denn da habe ich ja immer mehrere Stimmen. Der Austausch hat mich immer besonders interessiert - ob mit einem anderen Musiker, mit einem Orchester oder mit mir selbst. Aber bei den Auftritten dominieren schon die Klavierkonzerte.

Weil das der größere Markt ist?

Vogt: Das auch. Es ist schwierig geworden für die schönen Kammermusikreihen.

Mit Ausnahme von Heimbach.

Vogt: Gott sei Dank. Das liegt aber auch am Ambiente, am Konzept, an den Künstlern. In den großen Städten ist es schwierig geworden.

Wie erarbeiten Sie sich ein Stück? Üben, üben, üben?

Vogt: Das ist letztlich die Grundvoraussetzung für alles.

Technik oder Emotionalität?

Vogt: Das kann man nicht trennen. Selbst wenn man sich schwierige technische Stellen herausgreift, muss man ein Gefühl für den Schwerpunkt einer Phrase und die Melodik haben. Aber dazu gehört natürlich Training. Man muss die Finger dazu erziehen, dass sie das tun, was man will.

Wie lange üben Sie am Tag?

Vogt: Sehr unterschiedlich. Aber wenn ich zu Hause bin, kann es schon passieren, dass ich fünf bis sechs Stunden übe.

Braucht das viel Disziplin?

Vogt: Absolut. Aber wenn ich an einem Stück arbeite, das ich liebe, dann ist es erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht.

Spielen Sie auch Stücke, die Sie nicht lieben?

Vogt: Ich habe jedenfalls schon Werke gehabt, die für mich in jeder Hinsicht eine Herausforderung waren.

Lesen Sie Musiktheorie oder Biografien, wenn Sie ein Stück einstudieren?

Vogt: Zunächst gilt die Priorität des Notenblatts. Aber dann wird man natürlich neugierig, was der Komponist für ein Mensch gewesen ist. Aber das wird für mich oft aus den Noten deutlicher als aus Biografien. Dennoch wird mit den Fakten im Hintergrund vieles klarer und strukturierter.

Welche Rolle spielen da Interpretationen von anderen Pianisten?

Vogt: Die höre ich erst, wenn ich eine eigene Interpretation annähernd gefunden habe. Üblicherweise entwickle ich mit der Zeit ein sehr starkes Gefühl für ein Stück. Dann werde ich sogar ein bisschen intolerant und kann andere Interpretationen sehr schwer ertragen. Klingt das jetzt egoman?

Zumindest sehr selbstbewusst. Aber wahrscheinlich ist das so, wenn man ein gewisses Niveau erreicht hat. Gibt es für Sie überhaupt noch technische Grenzen?

Vogt: Absolut.

Könnten Sie sich jedes Stück erarbeiten?

Vogt: Im Prinzip ja. Auch wenn es dann sehr viel Arbeit kostet. Liszts h-Moll-Sonate etwa, die ich in diesem Jahr in Heimbach gespielt habe. Die hat mich absolut an meine technischen Grenzen geführt. Aber mittlerweile bin ich fast dankbar dafür, dass ich bei den ganz virtuosen Stücken mehr Arbeit habe. Oft geht die Schwierigkeit mit einem bestimmten Ausdruck einher, mit einem physischen Widerstand, der gespürt werden muss. Einem Pianisten, dem alles ganz leicht fällt, fehlt die Komponente des Kampfes.

Sie werden im kommenden Jahr 40. Hat sich Ihr Spiel mit der Zeit verändert?

Vogt: Das will ich doch sehr hoffen. Aber es wäre auch schön, wenn das Publikum noch den alten Überschwang spüren würde. Der Wille, manchmal mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, und die Erfahrung: Das gehört zusammen. Das muss aber keine Frage des Alters sein.

Wo sehen Sie sich selbst? Auf dem Höhepunkt Ihres Schaffens?

Vogt: Jedenfalls auf dem Höhepunkt dessen, was ich bislang gemacht habe.

Aber es kommt noch was?

Vogt: Auch das will ich doch sehr hoffen. Ich möchte noch einige Stücke neu lernen und die Sachen, die ich schon spiele, weiterentwickeln. Ich habe aber den Eindruck, dass ich im Moment in einer intensiven Phase bin. Ich habe gelernt, noch professioneller zu arbeiten. Das tut mir gut.

Kein Lampenfieber mehr?

Vogt: Ab und zu habe ich noch Lampenfieber. Bei bestimmten Werken, die mich besonders fordern, in bestimmten Situationen. Und eigentlich immer bei Mozart.

Ist das eine positive Spannung?

Vogt: Sie kann auch kontraproduktiv sein. Ich habe mit den Jahren versucht, sie zu bändigen.

Pflegen Sie dafür bestimmte Techniken? Rituale?

Vogt: Das beste ist, sich immer wieder auf das Jetzt zu besinnen. Die größte Gefahr ist, wenn man sich schon früh wegen bestimmter schwieriger Stellen verrückt macht. Wenn man aber in der Spannung des Moments lebt, die Innenspannung der Töne nachempfindet, funktioniert es.

Gehen Sie schon vor dem Konzert alles im Geiste durch? Wie ein Slalomskiläufer, der die Tore mental ansteuert?

Vogt: Kein schlechter Vergleich. Auch ein Slalomläufer muss sich den ganzen Weg vorher klarmachen. Es reicht nicht, wenn er nur von Stange zu Stange denkt. Auch ein Pianist muss den ganzen Weg mit Innenspannung beleben.

In Heimbach haben Sie aber kein Lampenfieber mehr.

Vogt: Von wegen. Gerade Heimbach ist ein ganz heißes Pflaster. Wir Künstler sitzen da so eng aufeinander und hören ganz genau hin, der Deutschlandfunk überträgt die Konzerte: Das ist nicht immer einfach.

Haben Sie sich schon einmal richtig verhauen auf der Bühne?

Vogt: Na klar.

Was passiert dann?

Vogt: Man muss den Fehler schon während des Konzerts zu den Akten legen und die Prioritäten richtig setzen. Irgendwas verhaue ich eigentlich in jedem Konzert. Ich arbeite zwar auf Perfektionismus hin, aber in dem konkreten Moment entscheide ich mich eher für den reinen Ausdruck. Die Gefahr bei einem Fehler ist eher, dass bei der Motorik etwas verhakt. Dann muss man wissen, wie man wieder reinkommt. Bei Mozart ist das besonders schwierig, da fliegt man schnell im hohen Bogen raus. Das ist mir auch schon passiert. Aber ich bin Künstler und kein Bürokrat, der Zahlen aufschreibt, die alle ganz genau stimmen müssen.

Wie viele Konzerte spielen Sie?

Vogt: Bis zu 90 pro Jahr. Zählt man die Proben hinzu, bin ich die Hälfte des Jahres in Sachen Konzerte unterwegs.

Macht Ihnen das Spaß? Das ständige Unterwegssein, das Leben aus dem Koffer?

Vogt: Manchmal ist es gut, wenn man im Hotel ist und Ruhe hat. Man sieht auch viel von der Welt. Aber das Reisen an sich kann mir gestohlen bleiben: Flughäfen, Sicherheitskontrollen, das Fliegen selbst. Aber es gehört dazu. Ein Kollege hat gesagt, dass wir nicht für die Konzerte, sondern für das ganze Drumherum bezahlt werden. Es ist auch schwierig, das Private mit diesem Leben in Einklang zu bringen. Die meisten meiner Kollegen wollen, dass irgendwann ein bisschen Ruhe einkehrt.

Haben Sie dieses Bedürfnis auch?

Vogt: Es ist auf jeden Fall auch da. Ich liebe es, wenn ich mal eine Woche zu Hause bin, Sport treiben kann, mit meiner Tochter in Berlin zusammen bin. Andererseits hat auch das unstete, ungebundene Leben seinen Reiz. Aber selbst, wenn ich von den ganzen Umständen genervt bin, entschädigt der Moment auf der Bühne für fast alles. Dieser Glücksmoment ist ja auch der Grund, weshalb man diese Arbeit macht.

Sie fühlen also noch die Berufung?

Vogt: Ja. Auch wenn ich mit dem Alter gelassener geworden bin. Früher war der Druck größer. Heute kann ich mich mehr auf die Musik konzentrieren.

Herr Vogt, meine Tochter ist 14. Mit zwölf hat sie aufgehört, Klavier zu spielen. Bitte helfen Sie und liefern Sie mir Argumente, warum sie wieder anfangen sollte. Ist jemand, der Klavier spielt, ein besserer Mensch?

Vogt: Natürlich nicht. Aber manchmal sollte man vielleicht etwas durchziehen, was gerade als uncool erscheinen mag, was aber auf lange Sicht etwas bringt.

Erklären Sie das mal einem pubertierenden Mädchen!

Vogt: Ich weiß, wie schwierig das ist. Ich sehe das ja an meiner eigenen Tochter. Ich bin aber der Überzeugung, das wir alle etwas brauchen, was die Seele anspricht.

Muss man dazu Musik selbst spielen? Reicht nicht das Hören?

Vogt: Auch das Hören kann beglückend sein. Aber das Spielen ist schon eine andere Kategorie.

Ihre Tochter ist jetzt sieben Jahre alt. Spielt sie Klavier?

Vogt: Jawohl, aber auch sie fragt schon mal, ob sie das machen muss. Da muss ich mich selbst hinterfragen, ob ich zu viel Druck gemacht habe. Für sie hat das noch eine ganz andere Bedeutung, denn sie erlebt die Musik als das, was ihr den Vater immer wieder wegnimmt. Sie hat mir schon mal gesagt: Wenn ich ganz viel übe, dann muss ich später auch so viele Konzerte spielen.

Schwierige Situation. Könnten Sie damit leben, wenn sie sagen würde: Ich will nicht mehr spielen?

Vogt: Ich könnte damit leben, aber ich glaube schon, dass es zum Erwachsenwerden gehört, ein Instrument zu lernen.

Deshalb haben Sie auch das Projekt Rhapsody in School gegründet.

Vogt: Genau. Wir wollen den Kindern die Emotionalität der Musik vermitteln, damit vielleicht der Funke überspringt. Und zeigen, dass wir keine langweiligen Figuren im Frack sind.

Lars Vogt, geboren am 5. September 1970 in Düren, war nach eigenem Bekunden kein Wunderkind. Im Alter von sechs Jahren begann er, Klavier zu spielen. Er studierte bei Ruth Weiss in Aachen und Karl-Heinz Kämmerling in Hannover. 1990 gewann er den 2. Preis beim Klavierwettbewerb in Leeds - der Beginn seiner Karriere. Er lebt in London und Berlin. 2003/2004 war Vogt als erster Künstler „Pianist in Residence” bei den Berliner Philharmonikern. Er arbeitet mit den großen Orchestern und Dirigenten dieser Welt. 1998 hob Vogt das Kammermusikfestival „Spannungen” im alten Kraftwerk Heimbach aus der Taufe. Im September 2005 gründete er das Projekt Rhapsody in School, bei dem Musiker Schulen besuchen und demonstrieren, was klassische Musik bewirken kann.