Aachen: Labyrinth der Psyche: „[N]emo Body“ von Joost Vrouenraets in Aachen

Aachen : Labyrinth der Psyche: „[N]emo Body“ von Joost Vrouenraets in Aachen

Zum Schluss zieht jede ihre Bluse in die Höhe, man sieht Haut, den flachen Bauch, den Nabel — vielleicht zum Beweis für fettfreier Perfektion in einer Gesellschaft, die makellos sein will.

„[N]emo Body“ ist der Titel der aktuellen Choreographie des Niederländers Joost Vrouenraets. Nach der Uraufführung Ende 2017 in Amsterdam gastiert das Ensemble Gotra damit in deutscher Erstaufführung im Theater Aachen.

Fünf Tänzerinnen in kargen grauen Kostümen — Hosen, hochgeschlossene Blusen, schwere Halbschuhe. Die Blicke sind starr, wie in Trance. Erste Bewegungen scheinen mechanisch, Hände, Arme, Köpfe, Finger, zwanghaft. Sie folgen einem unheimlichen Drang im Licht der vier Leuchtsäulen (Lichtregie Vrouenraets/Marc Claessens, Kostüme Verena Klein).

Unbarmherzig wird ausgeleuchtet, was im Dunkel der Psychen lauert. Man kann sich dem Schmerz, der Strenge und Kraft, die aus fünf Körpern strömt und sich heftig zusammenballt, kaum entziehen. Dann setzt Zittern ein, Brustpartien zeigen angestrengtes Atmen, Körper, krümmen sich. Will da etwas aufbrechen? Zu Tonkollagen von Loran Delforge kommt es zum quälerischen Ringen. Wenn die Tänzerinnen stampfend die Bühne zum Beben bringen, erreicht die Erschütterung den Zuschauerraum. Kaltes Feuer.

Der Trance folgt wildes Aufbäumen, die Bereitschaft, einander an die Gurgel zu springen. Gotra beherrscht eine eindringliche Sprache, geschliffen und unkonventionell. Sie tanzen Unaussprechliches, tiefsitzende Ängste, Fantasien und viel Sanftes. Ein Stück, das es jedem selbst überlässt, die Wunde zu erkennen, die am stärksten schmerzt. Viel Applaus und rote Rosen für die Tänzerinnen.

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