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Aachen: „La Cage aux Folles“: Grenzlandtheater sucht eine Riesen-Herausforderung

Aachen : „La Cage aux Folles“: Grenzlandtheater sucht eine Riesen-Herausforderung

Gold glitzern die Stöckelschuhe in Größe 45, parfümierte Federboas umschmeicheln breite Schultern, und muskulöse Schenkel wippen im Takt. Hoffentlich bekommt der altgediente Grenzlandtheater-Besucher angesichts dieser heißen Kerle im Fummel keine Schnappatmung! Denn mit dem Musical „La Cage aux Folles“ („Ein Käfig voller Narren“) wird er ab 10. Dezember mitten in einen Travestie-Club versetzt.

Ja gut, das Publikum der Aachener Bühne mag vielleicht eher als konservativ gelten, aber Regisseur Ulrich Wiggers hat keine Sorge, es mit diesem freizügigen Cabaret-Milieu abzuschrecken. Er hat die Zuschauer in seinen bisherigen Inszenierungen — zuletzt Shake- speares „Sommernachtstraum“ — als „sehr offen“ erlebt. „Und viele kennen die Geschichte“, meint er. Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern eben, dem Nachtclub-Besitzer Georges und seinem Travestie-Star Zaza alias Albin. Ihre Beziehung wird auf die Probe gestellt, als Sohn Jean-Michel ankündigt zu heiraten — leider gerade die Tochter eines erzkonservativen Politikers. Doch ob hetero- oder homosexuelle Liebe: „Viele Ehepaare werden sich wiedererkennen“, glaubt Samuel Schürmann, der mit 33 Jahren einen erstaunlich jungen Travestie-Star Zaza spielt.

Kein besonders großes Risiko wird Intendant Uwe Brandt wohl mit dem bekannten Stück eingehen, obwohl er es angesichts von Schwulen-Hetze in Schützenvereinen oder Internet-Foren als immer noch aktuelles Plädoyer für Toleranz und Zivilcourage preist. Als Lustspiel feierte die Story weltweit Erfolge, ebenso als Film und Broadway-Knaller. Auch am Aachener Stadttheater wurde das Musical in der Inszenierung von Dieter Löbach Kult — vor mehr als 20 Jahren.

Eine noch längere Geschichte verbindet Regisseur Ulrich Wiggers mit dem Musical. Sang, spielte und tanzte er doch als Jean-Michel in der legendären deutschsprachigen Erstaufführung am Berliner Theater des Westens selbst mit. Das war 1985 — und der 57-jährige Wiggers lenkt den Blick aus der Vergangenheit lieber schnell auf das junge, „tolle Ensemble“, mit dem er zurzeit probt. Fast alle stellen sich zum ersten Mal am Grenzlandtheater vor, darunter einige Musical-Absolventen der Berliner Universität der Künste und der Hamburger Joop-van-den-Ende-Academy — zwei Institute, an denen Wiggers auch unterrichtet.

Ein bewährter Stoff und talentierte Darsteller also — und dennoch hat Uwe Brandt von Kollegen den Spruch gehört: „Habt ihr noch alle Latten am Zaun, das bei euch zu machen?“ Einfach weil das Ganze für die kleine Bühne in der Elisen-Galerie eine Riesen-Herausforderung ist — wieder einmal. Die größte Produktion seiner Intendanz lässt 13 Darsteller auf der Bühne schwitzen und fünf Musiker auf einer Orchester-Empore darüber. Und doch wird Brandt wohl ruhig schlafen können, weil er das Erfolgsteam der Musicals „Der Mann von La Mancha“ und „Die drei von der Tankstelle“ engagierte. Neben Wiggers sind das der musikalische Leiter Stephan Ohm, Choreographin Marga Render und Bühnenbildner Matthias Winkler. Gemeinsam möchten sie vor allem eine gute Show bieten: mit rasanten Tanzszenen und mehr als 50 aufwendigen Kostümen, mit Tempo und Virtuosität. Musiker Stephan Ohm will das Publikum sogar vollmundig von Aachen „an den Broadway entführen“. Welthits wie „Ich bin, was ich bin“ oder „Mascara“ erklingen natürlich nicht als Konserve, sondern live.

Eine Riesen-Herausforderung war es auch, gold glitzernde High Heels in Größe 45 zu finden. Doch dank eines Schuh-Versands wurde das Problem gelöst. Auch Travestie-Künstler Mary, den Wiggers gut kennt, war mit Kostüm-Tipps behilflich. Und sogar im Fundus der Kölner Oper durfte der Regisseur zugreifen. Zwischen Aachen und Köln pendelt Wiggers nämlich derzeit im Auto mit seinem Hündchen Mimi hin und her. Vom Travestie-Club zum Opern-Zelt. Noch bis Ende des Jahres ist er im Ausweichquartier der Kölner Oper auf der Bühne zu erleben. Eher bieder als freizügig. Als Professor Henry Higgins im Musical „My Fair Lady“ — wie bereits vor zwölf Jahren im Grenzlandtheater.

Das Musical „La Cage aux Folles“ („Ein Käfig voller Narren“) von Jerry Herman (Musik) und Harvey Fier-stein (Libretto) feiert am Montag, 10. Dezember, 20 Uhr, Premiere im Aachener Grenzlandtheater in der Elisen-Galerie.

Bis zum 1. Februar sind in Aachen und der gesamten Region satte 53 Aufführungen angesetzt. Und ein paar Zusatzvorstellungen sind auch noch möglich, sollte der Andrang — wie zu erwarten — groß sein. Schon jetzt sei die Ticket-Nachfrage enorm. Aber Intendant Uwe Brandt betont: „Es gibt noch Karten!“

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