Schöne Oberflächen, tiefe Gedanken: „Shooting-Star“ Louisa Clement im Ludwig Forum

Schöne Oberflächen, tiefe Gedanken : „Shooting-Star“ Louisa Clement im Ludwig Forum

Louisa Clement gilt als „Shooting-Star“ der Kunstszene. Über das Etikett muss sie lachen. Ihre ernste Kunst zeigt nun das Ludwig Forum.

Ihr iPhone 8 hat Louisa Clement gerade nicht zur Hand. Dabei ist es nicht nur ihr privates Kommunikationsmittel Nr. 1, sondern auch ihr mobiles Büro und Berufswerkzeug. Die junge Künstlerin zückt ihr Smartphone zum Fotografieren und Filmen, wenn sie auf den Straßen von Köln, Paris oder New York unterwegs ist, um Alltagseindrücke einzufangen, die in ihren Werken mit Hilfe des Computers zuweilen tief in virtuelle Welten führen. Wenn die Bonnerin einen aber vor der Eröffnung ganz real durch ihre Ausstellung im Aachener Ludwig Forum begleitet, dann hat sie die Hände frei, um mit großen Gesten zum Erklären auszuholen.

Nächste Ausstellung in Mailand

Erst 31 Jahre ist Louisa Clement jung und schon richtig im Kunstbetrieb angekommen. Galerien und Museen reißen sich um sie, in Aachen wird die Bonnerin als „Shooting-Star“ gepriesen. Da muss sie selbst erst mal laut lachen und ihre langen blonden Haare schütteln. „Für solche Begriffe bin ich die Falsche“, sagt sie. Das Label wurde ihr von anderen angeklebt, sie brauche es nicht. Aber „ein sehr schneller Werdegang“ war es schon, gibt sie zu. In diesem Jahr hat Louisa Clement ihre Schau „Remote Control“, eine Kooperation mit dem Sprengel Museum, bereits in Hannover präsentiert, sie hat mit einem Stipendium in der Villa Aurora in Los Angeles gastiert und jetzt schon die nächste Ausstellung ab Januar in Mailand im Kopf, auch das kommende Jahr ist geplant, aber noch nicht spruchreif. Kurzum: „Es läuft super gut.“

Im Ludwig Forum ist so was wie eine sehr frühe Retrospektive zu erleben. Der Blick ins Oeuvre der vergangenen fünf Jahre eröffnet ein weites Spektrum von Fotografie und Video, Virtual Reality (VR) und Installation. Rund 140 Werke, viele schöne, auch bunt glänzende Oberflächen, die tiefgründigen Gedanken liefert die Künstlerin im Gespräch dazu. Ihre Leitfrage: Was ist der Mensch im digitalen Zeitalter? Braucht er 2045 etwa noch seinen Körper? Die Künstlerin glaubt: sicher! „Gefühle kannst du nicht simulieren.“

Platz nehmen können Besucher in Fleisch und Blut, mit VR-Brille auf der Nase an einem Tisch – und in einer Simulation landen, beim virtuellen Gespräch mit Bots. Oder im Video einer echten Hand beim so erotischen wie aufdringlichen Tast-Spaziergang über eine Avatar-Puppe folgen und sich fragen: Gibt es digitale Intimität? Oder (gedanklich) Körperbildfragmente von schwarz glänzenden Gliedermenschen zusammenpuzzeln.

Oder in 55 Gesichter ohne Augen, Nasen, Münder starren. Irgendwie uniform und doch ganz unterschiedlich. Sie gehören zur Serie „heads“ (2014/15), Clements Abschlussarbeit an der Düsseldorfer Akademie. Ihr Professor, der berühmte Fotograf Andreas Gursky, hält sie für eine ihrer besten. Schaufensterpuppen hat die Künstlerin dafür mit dem Handy abgelichtet. Impuls war eigentlich ein Alltagsproblem: ein biometrisches Passbild anzufertigen – und die Frage: „Wie muss ich mich selbst in so eine Norm reinquetschen?“

Kleist und Künstliche Intelligenz

Der Anspruch, sich mit der Welt im Hier und Jetzt auseinanderzusetzen, prägt Louisa Clements Arbeit. Sie selbst erkennt da den Einfluss ihres Lehrers Gursky. „Relevanz“ und „Recherche“, das sind Begriffe, die oft fallen. „Ich lese unglaublich viel“, sagt die Tochter eines Politik-Journalisten sowie einer Juristin und Galeristin. Ob Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“ oder „Technikzeug“ über Künstliche Intelligenz, ob Tagespresse oder philosophische und kunstgeschichtliche Texte. Denn ihr Blick geht auch zurück. „Es ist ja auch sehr klassisch, was ich mache“, sagt die Konzeptkünstlerin, die ursprünglich in Karlsruhe Malerei studiert hat. Sie spannt einen Referenzrahmen von Bruce Nauman und Cindy Sherman über Hans Bellmer bis zu griechischen und römischen Skulpturen. Ein Vergleich mit dem Aachener Künstler Tim Berresheim, den man angesichts von Computertechnologie, Puppenfiguren und Ornamenten ziehen könnte, behagt ihr weniger. Seine Herangehensweise sei eher spielerisch, technisch, bei ihr dagegen komme zuerst immer die inhaltliche Auseinandersetzung.

So entstehen mitunter sehr deutliche Botschaften. Etwa mit der Installation „transformationsschnitt“. Ein gezacktes Dunkelfeld aus scharfkantigen Brocken, 60 Quadratmeter groß, zwölf Tonnen schwer. Die schwarze Schlacke ist ein Abfallprodukt des Krieges, entstanden aus dem Giftgas Sarin, wie es Machthaber Assad im Syrien-Konflikt eingesetzt hat. Bei 1400 Grad wurde es zu Glassteinen umgeformt, um es unschädlich zu machen. Wenn es nicht gerade zu Kunst verarbeitet wird, kommt es als Granulat im Straßenbau zum Einsatz. Erschreckend schön.

Zu schön? Diese Kritik samt Kitsch-Verdacht trifft Clements Werke ab und an. „Zu oberflächlich, zu glossy, ich weiß“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. „Es geht natürlich auch um unsere bunte Scheinwelt, die ich reflektiere!“ Der Vorwurf, glänzende „Kunstmarktkunst“ zu produzieren, berührt sie offenbar wenig. Sie kommt ja auch an.

Andreas Gursky erzielt mit seinen Hochglanz-Monumentalfotografien Spitzenpreise bei Versteigerungen, schon mal mehr als eine Million US-Dollar. Und seine Meisterschülerin? Über Preise will Clement nicht reden, nur so viel: Zurzeit kann sie von ihrer Kunst leben. Aber planbar sei das nicht. „Man lebt als Künstler in einer gewissen Freiheit, aber das ist nicht immer das Einfachste“, sagt sie. Über ihr Privatleben will sie nichts offenbaren. „Ich als Person stehe hinter meinem Werk.“ Das jedenfalls soll Denkanstöße geben. Kunst mit Wirkung also? „Klar, sonst würde ich das nicht machen!“

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