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Neue Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum: Digitale Poeten oder banale Stereotype?

Neue Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum

Digitale Poeten oder banale Stereotype?

„Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen“ FOTO: Stephan Johnen

Düren Die beeindruckende Ausstellung „Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen“ im Dürener Leopold-Hoesch-Museum erklärt die Geschichte und die Hintergründe der modernen Bildzeichensprache.

Ein Kothaufen ist ein Kothaufen ist ein Kothaufen. Täglich werden Milliarden Emojis versendet, darunter auch der markante braune Kringel mit lachendem Gesicht, dessen Botschaft universell und unmissverständlich ist. Mittlerweile sind über 3000 Emojis standardisiert – digitalisierte und massentaugliche Äußerungen individueller Emotion. Wie es zu diesem Phänomen gekommen ist, erklärt die Ausstellung „Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen“ im Leopold-Hoesch-Museum.

Die Reise zur Geburtsstunde der modernen Bildzeichensprache führt die Besucher zurück ins Jahr 1925, als auch der Cleverste noch nicht an Smartphones zu denken vermochte. In Wien hatte der Nationalökonom Otto Neurath das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum gegründet. Neurath, dessen Frau Marie, der progressive Künstler Gerd Arntz und ihr Team entwickelten Piktogramme, um auch den Menschen ökonomische und soziale Daten zugänglich zu machen, die weder Lesen noch Schreiben konnten. „Bildung war ein zentraler Antrieb“, erklärt Maxim Weirich, der mit Dr. Michaela Stoffels die Ausstellung kuratiert hat.

Kleine Zeichen mit großer Bedeutung: Museumsdirektorin Anja Dorn im Leopold-Hoesch-Museum in Düren. Foto: Stephan Johnen FOTO: Stephan Johnen

Piktogramme sollten helfen, die Welt zu erklären, Zusammenhänge zu erkennen – und sich selbst besser einzubringen, die Welt zu verändern. „Für den Künstler Gerd Arntz war das ein radikaler Schritt in die Populärkultur“, bilanziert Museumsdirektorin Anja Dorn. Das Team bewegte sich fortan in einem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Objektivitätsanspruch auf der einen und freiem künstlerischem Ausdruck auf der anderen Seite. Nicht nur die Formsprache ist zeitlos, auch manches Thema ist höchst aktuell, wie einem die Piktogramme zu den Hygienevorschriften zum Schutz vor Tuberkulose vor Augen führen. Die zeitgenössische Variante zur Mund-Nase-Bedeckung lässt grüßen.

Die Ausstellungsmacher gehen auf ihrer Reise durch die Jahrzehnte der Frage nach, mit welchen Überlegungen, Zielsetzungen und Hoffnungen die Entwicklung moderner Bildzeichensprachen verbunden ist. Dabei klammern sie auch eher unbequeme Fragen nicht aus, beispielsweise ob Piktogramme und Emojis unsere Ausdrucksmöglichkeiten erweitern oder diese durch die Festlegung von Stereotypen nicht beizeiten auch einschränken. Nationalsozialisten wie Kommunisten wussten beide, Piktogramme für ihre Propagandazwecke zu nutzen, ja zu missbrauchen – und emotional aufzuladen. Die ausgestellten Arbeiten von Otl Aicher, dessen grafisches System für die Olympischen Spiele 1972 in München genutzt wurde, setzt als Gegenreaktion auf strenge, emotionslose Gestaltungsregeln und maximale, emotionslose Funktionalität.

„Alle Systeme interagieren, es gibt Berührungspunkte“, sagt Kurator Maxim Weirich. Manchmal wird schlichtweg voneinander „geklaut“. Künstler wie Warja Lavater, Pati Hill und Wolfgang Schmidt setzen Aichers emotionslosen aber universal verständlichen Piktogrammen, die zum Teil heute noch das Münchener Stadtbild prägen, verspielte und intime Entwürfe gegenüber.

Service

Noch bis 7. Februar in Düren zu sehen

Die Ausstellung „Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen“ ist noch bis zum 7. Februar 2021 im Leopold-Hoesch-Museum, Hoeschplatz 1 in Düren, zu sehen.

Jeden ersten Sonntag im Monat gibt es eine öffentliche Führung; zum Wochenende der Graphik am Sonntag, 15. November, 13.30 Uhr, führen die Kuratoren Dr. Michaela Stoffels und Maxim Weirich durch die Ausstellung.

www.leopoldhoeschmuseum.de

Aus einer ganz anderen kulturhistorischen Quelle werden die Arbeiten von Shigetaka Kurita gespeist, der in den 90er Jahren eines der ersten Emoji-Sets kreierte und damit den Grundstein für eine Bildsprache lieferte, die aus der zeitgenössischen Kommunikation kaum wegzudenken ist. „Manche Kritiker sehen in Emojis eine Banalisierung der Sprache, die die Kommunikation verflachen lässt. Andere hingegen sprechen von digitaler Poesie, die Wortzeichen und Sprache verbindet und neue Ausdrucksformen ermöglicht“, sagt Museumsdirektorin Anja Dorn.

Die Frage, welche Emojis standardisiert zum Einsatz kommen, ist für Kurator Maxim Weirich auch eine politische: „Es gibt keine demokratische Abstimmung. Wenige große Konzerne bestimmen darüber, wie die Sets zusammengestellt werden.“ Hinzu kommen noch geopolitische Interessen. So ist es zu erklären, dass Nutzer in China vergeblich eine Nationalflagge Taiwans suchen. Auch das kleinste Zeichen kann große Bedeutung haben.

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