Ausstellung im Ruhr Museum über die Künstlersiedlung Margarethenhöhe

Der Alltag neben der Kunst : „Aufbruch im Westen“ im Ruhr Museum in Essen

Das Ruhr Museum auf dem Gelände des Weltkulturerbes „Zeche Zollverein“ in Essen würdigt in der Sonderausstellung „Aufbruch im Westen“ die Vielfalt der Künstlersiedlung Margarethenhöhe.

Die Mischung macht‘s: In einem der Kabinette haben die Ausstellungsmacher die Amtskette des Essener Oberbürgermeisters neben die Meisterschale des Deutschen Fußballmeisters Rot-Weiß Essen im Jahre 1955 platziert, in der Vitrine nebenan liegt ein eleganter Bischofsstab und gegenüber kunstvoller Schmuck. Und dann gibt es noch eine silberne Tischklingel, Ausdruck hochherrschaftlichen Lebensstils. Alles Arbeiten der Goldschmiedin Elisabeth Treskow. Die wiederum gehörte der Künstlersiedlung Margarethenhöhe an. Alltag und Kunst – hier gehen sie eine denkwürdige Gemeinschaft ein. Und die kennzeichnet das Projekt insgesamt.

Die Ausstellung „Aufbruch im Westen“ im Ruhr Museum auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein würdigt eindrucksvoll die Künstlersiedlung Margarethenhöhe in Essen (noch bis 5. Januar). Im Rahmen des Gedenkens an 100 Jahre Bauhaus in Nordrhein-Westfalen lenkt diese Ausstellung den Blick einerseits auf die Stiftung für Wohnungsfürsorge, die Margarethe Krupp anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Bertha gründete, andererseits auf die dort ansässigen Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die vom Bauhausmotto „Die Welt neu denken“ beeinflusst waren. Und die selbst eigene und bemerkenswerte Akzente setzten.

Margarethe Krupp (1854 – 1931) entstammte dem „niederen Adel“, hatte aber entgegen der Standestradition eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert und an verschiedenen Stellen eigenes Geld verdient. Nach einer schwierigen Ehe verstarb ihr Ehemann Friedrich Alfred Krupp 1902. Treuhänderisch leitete sie die Firma Krupp für ihre älteste Tochter Bertha. Schon früh engagierte sie sich in der Kunst und im Sozialbereich. Krupp gründete anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Bertha im Dezember 1906 die „Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge“. Sie stattete diese Stiftung mit 50 Hektar Land und einem Kapital von einer Million Mark zur Errichtung von Wohnhäusern aus.

An der Stiftungsverfügung hat sich bis heute nichts geändert. Auf dem 50 Hektar großen Gelände entstand die Siedlung Margarethenhöhe, heute ein eigenständiger Stadtteil der Stadt Essen. Dazu beauftragte Margarethe Krupp 1908 den Architekten Georg Metzendorf (1874 – 1934). Weitere nicht zu bebauende 50 Hektar Land stiftete Margarethe Krupp 1907 der Stadt Essen, die Fläche umschließt heute als Waldpark die Siedlung.

Anheimelnd: Der Straßenname „Trautes Heim“ im Stadtteil Margarethenhöhe. Foto: zva/Martin Thull

Metzendorf war als Architekt ein Glückspilz, konnte er doch frei schalten und walten und seinen Ideen freien Lauf lassen. Denn weder die Stiftung als Bauherr machte ihm Vorschriften, noch musste er sich an die geltende Baugesetzgebung halten. Die war für das Projekt außer Kraft gesetzt. Ihm ist zu verdanken, dass die Margarethenhöhe schon während ihrer Entstehungszeit 1909 als Paradebeispiel für ökologisches und humanes, gesundes und innovatives Wohnen mit Wohlfühlfaktor galt.

Dabei legte er Wert darauf, nicht nur kostengünstig zu bauen, indem er auf Massenfertigung etwa der Fenster setzte. Er berücksichtigte auch die Alltagsbedürfnisse der Bewohner: Toilette mit Wasserspülung, Badewanne, warmes und kaltes fließendes Wasser und ein ausgeklügeltes Heiz- und Lüftungssystem. Durch den Verzicht auf einen Vorgarten blieb Platz für einen größeren Nutzgarten. Viel Grün, Plätze zur Versammlung oder Parks zum Innehalten: Hier herrscht nicht Uniformität, sondern Formenvielfalt – und das trotz vieler vorgefertigter und normierter Elemente. Heute üben die Häuser, von denen im Detail kaum eines dem anderen gleicht, nicht nur auf architektonisch interessierte Besucher eine starke Anziehungskraft aus. Wer sich heute hier einmieten will, der muss Geduld haben. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt zwölf Jahre.

Wer schon einmal da ist, sollte sich alles ansehen: Schacht 12 auf der Zeche Zollverein. Foto: zva/Martin Thull

Immerhin gibt es die Möglichkeit, im Rahmen einer Führung (Buchung unter 0201/24681444 oder besucherdienst@ruhrmuseum.de) die Musterwohnung zu besuchen. Sie verfügt wie alle Wohnungen über eine „kombinierte Heizungs- und Kochanlage“, eine „Spülküche“ mit Badewanne, Waschbecken und Waschofen sowie über ein eigenes WC. Sie zeigt auch den „variablen Typengrundriss“, der an die jeweiligen Raumbedürfnisse der Bewohner angepasst werden konnte. Zudem ist sie möbliert mit Metzendorf-Möbeln aus der Ursprungszeit oder detailgetreuen Nachbauten. Geradezu idyllisch etwa der Straßenname „Trautes Heim“.

Und dass die Zeit nicht stehen geblieben ist, davon zeugen die vielen Autos, die den Kleinen Markt besiedeln – außer an Markttagen. Dort gibt es auch eine Ladestation für Elektro-Fahrzeuge. Die Margarethenhöhe ist kein Museumsdorf. Der Stadtteil lebt durch seine Bewohner.

Zeugnis seiner Zeit ist das Denkmal, das zu Ehren der Stifterin gestaltet wurde: „Die Säerin“ von Joseph Enseling. Die Inschrift lässt tief blicken: „Zur Erinnerung an die großzügige Stifterin F. A. Krupp“ heißt es da. Nicht ihr Vorname „Margarethe“ ist dort in Stein gemeißelt, sondern die Initialen ihres lange verstorbenen Gatten „Friedrich Alfred“. Dabei hätte diese tatkräftige und kluge Frau wahrlich Anderes verdient.

Straßenansicht und Grundriss der Margarethenhöhe 1910. Foto: zva/Martin Thull

2019 jährt sich zum hundertsten Mal die Gründung des „Kleinen Atelierhauses“, das die Stifterin für den Künstler Hermann Kätelhön bauen ließ. Dies war die Keimzelle eines Künstlerkreises, der sich in den nachfolgenden Jahren auf der Margarethenhöhe etablierte. Zu ihm gehörten neben Kätelhön die Bildhauer Joseph Enseling, Will Lammert und Richard Malin, die Maler Kurt Lewy, Gustav Dahler, Josef Albert Benkert sowie Philipp und Hermann Schardt, die Goldschmiedin Elisabeth Treskow, die Buchbinderin Frida Schoy sowie der Fotograf Albert Renger-Patzsch.

Vor allem Kätelhön und Renger-Patzsch gelten als Chronisten des Ruhrgebiets. Die Ausstellung zeigt viele Arbeiten, die vor allem die Menschen im Bergbau und ihrem Alltag abbilden. Überhaupt geht es nicht nur um Kunstwerke im klassischen Sinn. Die Ausstellung gibt auch Einblicke in das Kunstgewerbe der damaligen Zeit, Möbel und Gebrauchsgegenstände. Bei der Einschätzung der Auswirkungen des Bauhauses – gemeinhin mit Dessau und Weimar verbunden – wird vielfach der Westen Deutschlands in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg übersehen. Dabei legen die in Essen gezeigten Exponate Zeugnis davon ab, dass auch hier „Bauhausgeist“ herrschte. Die Architektur und Stadtplanung Metzendorfs ist dabei eher von seiner Grundhaltung dem Bauhaus verbunden, nicht so sehr von der Formensprache seiner Entwürfe her.

Die Rolltreppe bringt Besucher des Ruhr Museums in 24 Meter Höhe. Foto: zva/Martin Thull

Wer sich mit der Wohnsiedlung Margarethenhöhe beschäftigt, darf nicht die „Keramische Werkstatt Margaretenhöhe auf Zollverein“ übersehen. Der „vergessene“ Buchstabe „h“ geht auf eine Nachlässigkeit bei der Eintragung ins Handelsregister zurück – eine „Tradition“, die bis heute bewusst beibehalten wird. Seit 1986 leitet Keramikmeisterin Young-Yae Lee, geboren in Südkorea, die Werkstatt, die ursprünglich auch in der Gartenstadt Margarethenhöhe beheimatet war.

Inzwischen liegt sie versteckt hinter efeubewachsenen Mauern auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Hier entsteht preisgekrönte Keramik in Bauhaus-Tradition, die in die ganze Welt verkauft wird. Ursprünglich geht die fast hundert Jahre alte Idee für eine Keramikwerkstatt auf den späteren Folkwang-Gründer Karl Ernst Osthaus zurück, Margarethe Krupp öffnete dann 1924 die Werkstatt in ihrer Stiftung.

Lee und ihren Mitarbeitern ist es wichtig, dass ihre kunstvoll gefertigten Kannen, Tassen und Teller nicht in Vitrinen verschwinden, sondern den Alltag durch Gebrauch bereichern. Gerne lassen sie sich über die Schultern schauen und beantworten Fragen. Und wer sich zum Kauf eines der Unikate entschließen kann, der hat etwas gemeinsam mit dem jordanischen Königshaus – dessen Vertreter haben hier auch schon eingekauft.

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