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Aachen: „Kunst kann von der Wirtschaft lernen”

Aachen : „Kunst kann von der Wirtschaft lernen”

Aus der „Kultur nach Mittag” im Ludwig Forum Aachen wurde am Dienstag ein reichhaltiger „Kulturnachmittag”, der Gäste und Gastgeber gleichermaßen fesselte.

Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, hatten zu einer Begegnung mit Staatsministerin Christina Weiss, Beauftragte für Kultur und Medien, unter dem Motto „Mittlerin für Kunst & Kultur?" eingeladen.

Rund 170 interessierte Zuschauer aus allen Bereichen des künstlerischen Lebens, unter ihnen auch Kunstmäzenin und Ehrenbürgerin Irene Ludwig, Generalintendant Paul Esterhazy und Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch sowie Aktive der Kulturpolitik fanden Gelegenheit zu Information und Gespräch.

Nicht nur Geld

Doch vor Frage- und Talkrunde nutzte Christina Weiss zunächst die Redeminuten, um über den täglichen Spagat ihres Amtes zwischen Kunst und Politik zu sprechen. „Ich kann mich nicht auf die Frage des Geldes reduzieren lassen”, so die engagierte Staatsministerin. „Dazu liebe ich die Künste zu sehr.”

Mit ihrer Position gehe ein besonderer Wunsch in Erfüllung: „Die Künste brauchen eine Vermittlungsinstanz, die Brücken baut. Unser Leben kann sich nicht allein auf Effizienz gründen.”

Ein gewisses Unverständnis gehöre bei der Aufnahme neuer Kunst dazu. „Nur mangelnde Neugier ist schlecht.” Aber sie ermutigt die Skeptiker: „Wenn ich grenzüberschreitende Elemente annehme, überschreite ich auch persönliche Grenzen.”

Hier zitiert sie gern den Dichter Helmut Heißenbüttel: „Es knackt auf im Gehirn und färbt nach innen...”

Die Kunst als Kraftfeld, als Labor für die Energien der Fantasie - diese Vorstellungen nahm man mit in die nächste Runde des Nachmittags, die Bernd Mathieu als Forum moderierte. Zunächst warf er einen Blick zurück in Christina Weiss beruflichen Werdegang.

Die einstige Hamburger Kultursenatorin hat kostbare Erfahrungen mit ins Amt gebracht. Was versteht sie unter einem „Miteinander”? „Kunst ist kein Luxus, sie muss genau so wichtig sein wie ein Schwimmbad oder ein Kindergarten. Das ist eine Frage des gesellschaftlichen Konsense.”

In den Köpfen der nachwachsenden Generation müssen zusätzlich zum Rechnen und Schreiben auch die Sinne trainiert werden. „Spielerische Arbeit kann in diesem Bereich mehr bringen als das sture Pauken.” Hier fordert sie mehr Ganztagsschulen, die in dieser Hinsicht zusätzlichen Raum zur kreativen Förderung erlauben.

Wie sie sich in der Zuordnung zum Bundeskanzler fühlt? „Dort ist dieses Amt gut aufgehoben. Es geht um Länder, Kommunen und Bundesregierung. Ich suche nach Wegen der Kooperation.”

Und noch bevor das Publikum fragen stellen konnte, gab es eine kleine Überraschung. Andrea Oepen und Silke Niethen, beide FH-Studentinnen im ersten Semester (Fachbereich Medien), wagten als Repräsentantinnen der jungen Generation den Dialog mit Christina Weiss, die bereitwillig und ernst antwortete.

Was muss zum Beispiel die Oper tun, um junge Leute anzusprechen? „Türen öffnen, auf die Zuschauer zugehen.” Und die Werbung? „Marketing ist unbedingt nötig, Plakat-Kampagnen können provozieren.”

Und ihre Kindheitserinnerungen an Kunst. „Wir sind sehr viel durch Museen gegangen, da war ich noch ganz klein. Aber ich musste nicht hingucken. Didaktischer Zwang kann alles verderben.”

Dass man in diesem Sinne auch im Ludwig Forum fortschrittliche Wege gefunden hatte, davon hatte sie sich bereits vor der Diskussion überzeugt. Zunächst gab es eine intensive Kurz-Führung mit Museumsleiter Harald Kunde, der sein neues Raum-Konzept vorstellte.

Dann nahm sie Museumspädagogin Irmgard Gehrke mit auf eine Runde von der Werkstatt für kreatives Schreiben über die jungen Leute, die ein „Chaos”-Spiel mit trickreichen Fragen und Aufgaben zum Museumsbestand bis hin zu den kleinen Künstlerinnen vom „Aachen Modell” zur Frühförderung, die begeistert ihre Delphine formten.

„Angefüllt” mit vielen guten Eindrücken, fiel es der Politikerin nicht schwer, bei der Frage nach dem Bild Deutschlands im Ausland schwungvoll auszuholen: „Wir müssen wirklich aktiv darüber nachdenken, wie wir uns darstellen. Bei der Deutschen Welle und beim deutschen Film sind wir da schon sehr konkret im Einsatz.”

Und das Thema Wirtschaft? „Wir brauchen nicht nur die Mittel von Sponsoren, wir brauchen auch eine Lobby und den Kontakt. So kann der Kunstbereich eine Menge von der Wirtschaft lernen, aber auch umgekehrt.

Was sie, die sonst eher gelassen bleibt, wirklich zornig werden lässt: „Ich finde es unmöglich, dass Peer Steinbrück die Kultur in seinem Papier zum Subventionsabbau aufführt”, kritisiert sie den NRW-Ministerpräsidenten. „In einem Land, in dem Kulturausgaben als Subventionen bezeichnet werden, möchte ich nicht leben.” Kräftiger Applaus.