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Aachen: Kultur als entscheidende Waffe gegen Gewalt und Terror

Aachen : Kultur als entscheidende Waffe gegen Gewalt und Terror

Der Schatten des 11. September legte sich am Samstagabend auch über eine Kulturveranstaltung, die eigentlich einen Gegenpol bilden soll zu all den depressiv stimmenden Weltereignissen unserer Tage.

Dem Schriftsteller Friedrich Christian Delius („Selbstporträt mit Luftbrücke”, 1993; „Die Flatterzunge”, 1999) wurde im Ballsaal des Alten Kurhauses in Aachen der Walter-Hasenclever-Literaturpreis verliehen, der mit 20.000 Euro zu den höchstdotierten Preisen seiner Art in Deutschland gehört.

Das beziehungsreiche Datum des Tages veranlasste den 61-jährigen Autor in seiner Danksagung, auf kluge und mahnende Weise einen Bogen zu schlagen von den schrecklichen Ereignissen in New York bis hin zu seinem eigenen literarischen Werk und schließlich den kulturellen Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft.

Der Autor, der sich in seinen Büchern eingehend mit dem Terrorismus in Deutschland während der siebziger Jahre auseinandergesetzt hat, wendete die gegenwärtige Erfahrung eines beginnenden „neuen Weltdramas” zu einem flammenden Appell an alle kurzsichtigen Spar-Apostel: „Wer Kunst und Literatur nicht fördert, der fördert Egoismus, Vandalismus und Terrorismus!”

Die Berliner Autorin Katja Lange-Müller hielt zuvor die Laudatio auf den Preisträger - selbst ein literarisches Werk, das eher geeignet schien, gelesen als gehört zu werden. Sie lobte vor allem Delius poetisches Vermögen, „lebendige Figuren” zu schaffen - „eine prachtvolle Kollektion deutscher Menschen”. Die Begrüßung der Gäste besorgten Bert Kasties, Vorsitzender der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, und Bürgermeisterin Meike Thüllen.

Der Preis wird verliehen von der Hasenclever-Gesellschaft, der Deutschen Schiller-Gesellschaft, der Stadt Aachen, dem Förderverein des Einhard-Gymnasiums und dem Aachener Buchhandel. Bisherige Preisträger waren Marlene Streeruwitz (2002), Oskar Pastior (2000), George Tabori (1998) und Peter Rühmkorf (1996).

Musikalisch umrahmt wurde die Verleihung von der Uraufführung des Klavierzyklus „8 saluti” des italienischen Komponisten und Delius-Freundes Lucca Lombardi, der dem ausführenden Pianisten, Andreas Staffel, begeistert gratulierte. Die kontrastreich wechselnde Folge splitterscharfer Motive und rumorend-tiefer Klangwogen beeindruckte das Publikum zutiefst.

Am Sonntagvormittag dann packte Delius seinen neuen Roman „Mein Jahr als Mörder” aus, der am 24. September in den Buchhandel kommt. „Das ist heute eine europäische Erstlesung”, stellte der Autor dann auch treffend fest. In „Mein Jahr als Mörder”, den er vor rund 100 Zuhörern im Couven-Museum vorstellte, nimmt der Ich-Erzähler den Leser mit in eine „Geisterbahn der Erinnerung”.

Der Protagonist, ein Berliner Student im Jahr 1968, fühlt sich verpflichtet, einen ehemaligen Nazi-Richter nach dessen Freispruch vom Vorwurf des Mordes seinerseits zu ermorden. Delius nahm das Publikum mit in die Beichte, die sich auf sprachlicher Ebene keineswegs als Geisterbahn, sondern als wundervolle Panorama-Landstraße entpuppt.

Kern des Romans ist die Geschichte einer Widerstandsgruppe um Robert Havemann gegen die Nazis, die sich 1943 „Europäische Union” nannte. Delius verbindet geschickt die Zeit der 68er mit den Themen Widerstand gegen Hitler und hochrangige Nazis im Nachkriegsdeutschland.

Die Verleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises fand im Rahmen der Aachener Literaturtage statt (http://www.aachener-literaturtage.de), die noch bis zum 21. September dauern.

Die Programmpunkte am Montag: Autor Bernd Schroeder trifft den Diplom-Psychologen Thomas Auchter zum Thema des Buchs „Mutter & Sohn”, Buchhandlung Schmetz am Dom, Kleinmarschierstr. 5, 20 Uhr.

„Zwischen Volumen und Valium: Du und deine Welt”, neue Texte von Christoph Wenzel, Daniel Ketteler und einem anonymen Gast; Raststätte, Lothringerstr. 23, 20 Uhr.