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Herzogenrath: Künstlerische Vielfalt einer ganzen Region im Eurode Bahnhof

Herzogenrath : Künstlerische Vielfalt einer ganzen Region im Eurode Bahnhof

Die Aachener Region ist gesegnet mit einer pulsierenden Kunstszene und etlichen auch international viel beachteten Malern, Bildhauern und Fotografen — das zumindest fühlte man schon immer angesichts von solch herausragenden Ausstellungen mit Werken von Tim Berresheim, Eric Peters, Wilhelm Schürmann, Alice Smeets und wie sie alle heißen.

Aber dass die Szene tatsächlich eine sprudelnde Vielfalt an künstlerischen Positionen hervorbringt, die auch noch zählbar und genau zu beziffern ist, das beweist jetzt eine wohl einmalige Ausstellung im Eurode Bahnhof Herzogenrath. Hinter dem bescheiden klingenden Titel „Sammlung Josef Gülpers“ verbirgt sich nicht weniger als eine Schau mit 75 Werken von über 50 Künstlern aus dem Aachener Raum.

Der Sammler im Porträt: Josef Gülpers, dargestellt 2016 von der in Moskau geborenen, in Aachen lebenden Elena Starostina.
Der Sammler im Porträt: Josef Gülpers, dargestellt 2016 von der in Moskau geborenen, in Aachen lebenden Elena Starostina. Foto: Wolfgang Sevenich

In 15 Jahren zusammengetragen

Und ihn kennt man auch: Wolfgang Becker, ehemaliger Leiter des Ludwig Forums, porträtiert von dem Fotografen Bernd Radke.
Und ihn kennt man auch: Wolfgang Becker, ehemaliger Leiter des Ludwig Forums, porträtiert von dem Fotografen Bernd Radke. Foto: Wolfgang Sevenich

Der Sammler, Josef Gülpers, ursprünglich Lehrer, ein wahres Multitalent als promovierter Kunsthistoriker, Romanautor, Lyriker, Zeichner, Musiker, Pianist und leidenschaftlicher Betreiber eines regelrechten Künstlersalons in seinem Haus in Verlautenheide, hat eine sage und schreibe 2500 Werke umfassende Kunstsammlung zusammengetragen. In den letzten 15 Jahren vor allem Arbeiten von 300 lebenden (!) Künstlern aus der Region Aachen.

Die für ihn faszinierende Begegnung mit einem Bild des Stolbergers Hacky Ritzerfeld, den er von seinem eigenen Studium her kannte, war für Gülpers damals das Schlüsselerlebnis, um sich Kunst von Künstlern seiner näheren Umgebung buchstäblich anzueignen. Er kennt sie alle persönlich — von Hans Dieter Ahlert bis zu Reinhard Zwilling.

Der regionale Bezug, „damit bekommt meine Sammlung ein Dach, unter dem ich meiner Leidenschaft freien Lauf lassen kann“, sagt der Sammler. Und so begegnet man im Bahnhof Eurode, den Fritz Rohde leitet, der selbstverständlich auch mit einer Plastik vertreten ist, vielen alten Bekannten und Entdeckungen. Dem Abbild von Wolfgang Becker aus dem Jahr 2011 zum Beispiel, dem langjährigen Leiter der Neuen Galerie und des Ludwig Forums. Der Fotograf Bernd Radke, 1960 geboren in Aachen, vereint in seiner Kunst uralte Mechanik — eine Kamera aus dem 19. Jahrhundert — mit moderner Computertechnik und fabriziert damit ein erstaunlich ausdrucksstarkes Porträt.

RWTH-Professor für Plastik

Michael Schulze, an der RWTH Universitätsprofessor am Lehrstuhl Plastik der Fakultät Architektur, widmet Max Ernst eine Hommage mit einer spannenden Materialcollage aus Malerei, Riemen und Rädern — entstanden in den 1980er Jahren.

Karl Heinz Jeiter variiert seine Kompositionen aus farbigen Flächen und Raumillusionen, die allein aus Linienschraffuren von Farbstiften entstehen, 2012 im reizvollen Kreisformat.

George Pavel, der sich selbst als philosophischer Künstler versteht, erkundet die Erhabenheit von Raum und Material 2016 mit der vorgefundenen Ästhetik eines ganz besonderen Objekts: einer der Edelstahllampen aus dem Krönungssaal des Aachener Rathauses, die 2008 entsorgt wurden. Pavel kombiniert das eckige Röhrengebilde mit einer stählernen Spirale.

Der Übach-Palenberger Hermann Josef Mispelbaum beschwört das mythische Wesen einer nicht näher benannten „Hüterin“ mit ganz und gar unmythischem Material: einer vermutlich kaputt gegangenen Kaffeemaschine, die er übergipst, bemalt und mit einem Kleiderbügel gekrönt hat.

Der Aachener Elektronik-Zauberkünstler Franz Buchholz hat schon immer ein intensives Gespür für überzeitlich sensible Themen bewiesen: Sein Objekt „Big brother is watching you“ aus dem Jahr 1985 aus einem Holzkasten mit CD-Player, dem Innenleben eines Fernsehapparates, einer Bildröhre und der Aufnahme seines eigenen Auges wirkt geradezu frappierend aktuell angesichts des durch Donald Trump bewirkten Comebacks des Orwelle_SSRqschen Romans „1984“.

Und Kunstlegende Karl Otto Götz ist auch vertreten mit einer seiner typischen, schwungvollen, aus einer einzigen Bewegung heraus gewonnenen Kompositionen. Götz ist übrigens der mit Abstand älteste Aachener Künstler: Am 22. Februar wird er 103 Jahre alt.

Viele Künstler wie Dan Rusu aus Rumänien oder Elena Starostina aus Moskau verleihen der Künstlerschaft im Aachener Raum eine sympathische internationale Prägung. Eine ganz erstaunliche Sammlung, die man unbedingt gesehen haben sollte.