1. Kultur

Eupen: Künstler André Butzer: Star der Szene lebt vom Widerspruch

Eupen : Künstler André Butzer: Star der Szene lebt vom Widerspruch

Er ist ein Star der internationalen Szene, hoch gehandelt, kometenhaft aufgestiegen in Berlin, geadelt durch Gruppenausstellungen bei Saatchi in London und im Haus der Kunst in München, Sammler auf der ganzen Welt sind vernarrt in seine Bilder — ein Phänomen: André Butzer.

Das ikob Museum für Zeitgenössische Kunst in Eupen, namentlich Direktor Frank-Thorsten Moll, stellt den gebürtigen Stuttgarter, Jahrgang 1973, nun erstmals in Belgien vor.

Mainstream-tauglich sind die Malereien des in Rangsdorf am Rand Berlins lebenden Künstlers jedenfalls nicht. Die riesigen Werke entstehen in einem Atelier von fürstlichen Ausmaßen auf dem Gelände einer ehemaligen Flugzeugfabrik aus den 30er Jahren. Moll: „Das gehört wohl zur Kategorie ‚unnützes Wissen‘: Von dem anliegenden Flughafen flog Graf von Stauffenberg zum Attentat auf Hitler nach Ostpreußen.“

Später war das eine russische Kaserne. Aber Butzer suchte bei der Auswahl seines Domizils nicht etwa die Aura wechselvoller Historie, sondern ganz schlicht die Abgeschiedenheit abseits der pulsierenden Metropole Berlin — und jenseits des hektischen Kunstmarktes, den er zurzeit über ganze elf Galerien zwischen Berlin und Tokio bedient. Moll: „Es können morgen auch schon 13 sein.“

Von der Akademie geflogen

Von der Akademie zu fliegen, kann gelgentlich der Startschuss für eine Weltkarriere sein: Ausgerechnet der derzeitige Aachener Kunstpreisträger Franz Erhard Walther ließ Butzer nach zwei Semestern an der Kunsthochschule Hamburg bei einer alles entscheidenden Prüfung durchfallen. Allzu grässlich kamen dessen comichaften Figuren mit ihren riesigen Kulleraugen bei seinem Lehrer an — der empfand den naiven Stil seines Adepten vermutlich als erklärte Absage an jede malerische Ästhetik.

Die Eupener Ausstellung konfrontiert dieses Früh- mit dem aktuellen Werk — und man fasst es nicht, dass beides von ein und demselben Maler stammen soll. Irgendwie erinnert die künstlerische Spaltung an Dr. Jekyll und Mr. Hyde — oder, wie ikob-Chef Moll es ausdrückt: „Als Schwabe ist er eine Mischung aus Hölderlin und Harald Schmidt.“

Auf der einen Seite umrahmen wilde Farbkompositionen — offenbar mit voller Absicht schlecht, naiv-abstrakt gemalt — verstümmelte Cartoonmonster. Am Anfang noch dramatisch oder cool, auf jeden Fall ziemlich abenteuerlich betitelt: „Brandenburgische Spargelmalerei — Elektronischer Krieg — Neo-Cézannismus“ zum Beispiel oder „Ich will erstmal ’ne Cola“. „Science-Fiction-Expressionismus“ nennt Butzer selbst diesen Stil. Vorbild: Walt Disney. Und Henri Matisse. Aber auch Henry Ford . . .

Dem gestisch Wilden stehen schwarze, nichts als schwarze Flächen der neueren Zeit gegenüber, quadratmetergroß. Jetzt ohne jeden Titel. „Konzeptuell-kontemplativ“ könnte man das nennen. Wobei Butzer zur Abwechslung gelegentlich auch wieder Kulleraugenfiguren malt wie 2017. Ob das alles wirklich ernst gemeint ist — oder doch nur parodistisch?

Weiße Flächen und Streifen durchziehen das Schwarz, rot-braun tönt es aus dem Untergrund. „Er fühlt in sich die Malereigeschichte“, versucht Frank-Thorsten Moll, den Kontrast zwischen den äußersten Polen von abstrakt-gestischem Expressionismus und konzeptueller Vergeistigung zu erklären.

Für den ikob-Chef war angesichts dieser heftigen Eigenwilligkeit und Widersprüchlichkeit der Akademie-Rauswurf damals durch Walther nur konsequent: „Der hatte erkannt, dass Butzer kein Geist ist, der in einer Institution wachsen kann.“

Vielleicht ist es dieser Zeitgeist, den Butzer mit seinen Werken trifft: Die Suche nach Sinn und Utopie ist die Utopie selbst.