Aachen: „Kuba x Kuba“: Im Dialog mit einer gewaltigen Geschichte

Aachen : „Kuba x Kuba“: Im Dialog mit einer gewaltigen Geschichte

Der Duft von Holz und Farben liegt in der Luft, es wird gehämmert und gesägt, eine großer rechteckiger Rahmen liegt vor dem Eingang: „Den müssen wir noch mit Beton ausgießen“, erklärt Andreas Beitin, Direktor des Ludwig Forums für Internationale Kunst. „In der Mitte gibt es eine Vertiefung in Form der Ernst-Thälmann-Insel.“

Eine Landkarte mit dem Namenseintrag zur 15 Kilometer langen und 500 Meter breiten kubanischen Insel hat Staatspräsident Fidel Castro am 19. Juni 1972 beim Staatsbesuch in der DDR Erich Honecker als besonderes Geschenk überreicht. Das Werk spiegelt dieses Ereignis, die Insel ist Wasser, das Wasser fester Grund — nur eine von rund 150 Arbeiten mit politischem Bezug, die über 70 Künstler in der Ausstellung „Kunst x Kuba. Zeitgenössische Positionen seit 1989“ ab dem nächsten Freitag, 8. September, im Museum an der Jülicher Straße zeigen.

Der kubanische Künstler Tonel (li.) und Andreas Beitin, Direktor des Ludwig Forums, in der Installation von Glexis Novoa. Von Adrián Fernández Milanés (kleines Foto) stammen die Bilder zu kubanischen Klischees, an der Wand ist das Gemälde „Hip-Hop“ von Alejandro Campins zu sehen. Foto: Andreas Steindl

Beitin ist überall, ordnet, berät, sorgt für thematische Verbindungen in den verschiedenen Abschnitten. „450 Meter Wandfläche sind nötig, um alles zu zeigen. Der Museumsraum bleibt dennoch offen“, sagt er. Dazu hat man schräg stehende Wandelemente geschaffen. In den Gassen kann man dem Dialog der Bilder unterschiedlicher Epochen nicht entgehen. Zusammen mit dem kubanischen Künstler, Kritiker und Kurator Antonio Eligio Fernández (58), der sich Tonel nennt, vollbringt Beitin zurzeit ein Kunststück.

Das „x“ als Variable

Es geht um die Vernetzung von Werken aus Kuba, die das Sammler-Ehepaar Peter und Irene Ludwig unter anderem 1990 erworben hat, als die inzwischen historische Ausstellung „Kuba o.k. — Aktuelle Kunst aus Kuba“ in Düsseldorf stattfand, mit Arbeiten der nachgewachsenen Generation.

„Es wird die bisher größte Präsentation zeitgenössischer Kunst aus Kuba in Deutschland sein“, erklärt Beitin. Das „x“, Symbol für eine unabhängige Variante, steht im Ausstellungstitel für die wechselseitige Ausrichtung. Was das Gestern mit dem Heute verbindet: Kunst aus Kuba ist immer Spiegel gesellschaftlicher Prozesse und politischer Verhältnisse. Der etwas hilflos im All treibende „Cosmonaut in search of orientation“ von Adrián Fernández Milanés etwa erinnert daran, dass Kuba einst in Gemeinschaft mit der Sowjetunion von einer großen Raumfahrt-Zukunft geträumt hat.

„Ein einziger Kubaner wurde als Kosmonaut eingesetzt, dann war es vorbei“, erinnert sich Tonel. Tonel selbst fühlt sich als Teil der kubanischen Geschichte. Er lebt in Kanada und auf Kuba, hat damit zugleich Außen- und Innensicht. Bei „Kuba o.k.“ in der Kunsthalle Düsseldorf war er bereits Ko-Kurator. Ein Stipendium der Peter und Irene Ludwig-Stiftung erleichterte ihm, der später als Dozent an der University of British Columbia in Vancouver und am Center for Latin American Studies an der Stanford University in Kalifornien unterrichten sollte, den Start. Warum Tonel? „Das ist ein Spitzname, genauer gesagt meine Signatur, als ich früher Cartoons und Illustrationen gezeichnet habe“, verrät er im Gespräch mit unserer Zeitung. „In den 80er und frühen 90er Jahren habe ich damit Geld verdient. Tonel ist kombiniert aus Buchstaben meinen beiden Vornamen.“

In Aachen fühlt er sich fast wie zu Hause, kann sich noch an seinen ersten Besuch 1992 erinnern und an Begegnungen mit dem damaligen Direktor des Ludwig Forums Wolfgang Becker. „Sechs Monate lang habe ich hier gearbeitet, eine besondere Zeit.“ Es gab zudem Gespräche mit Peter Ludwig, der sich sehr für das Schaffen des Kubaners interessierte. Nicht nur er, auch andere Künstler haben damals von der Ludwig-Stiftung und der Fundación Ludwig de Cuba wichtige Förderung und Ermutigung erfahren. „Das war extrem wichtig für uns, gerade in den 90er Jahren“, versichert Tonel. Die Arbeit im Team, in einem Museum, der Kontakt zur Kunstszene — damals für die Kubaner keine Selbstverständlichkeit.

Und so knüpft die Ausstellung „Kunst x Kuba“ zugleich an Klischees an, die damals noch mächtiger waren als heute — tanzende, dunkelhäutige Frauen, bildschön und sexy: „Wir haben solche Fotos ganz bewusst der Fotoserie einer heutigen Künstlerin gegenübergestellt, die eine neue, kraftvolle Weiblichkeit zeigt“, greift Beitin ein Beispiel heraus. Und Tonel ergänzt: „Die Klischees gehören dazu, aber diese Ausstellung zeigt, wie weit sich die Kunst Kubas entwickelt hat. In der Gruppe der Künstler sind Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, das ist alles völlig selbstverständlich und lebendig.“

Künstlerisches Arbeiten mit Videotechnik und Fotografien, Collagen und unterschiedlichsten Materialien gehören dazu. Bei der gezeigten Fotokunst gibt es nicht die früher häufig in romantische Motiven „verpackte“ Armut zu sehen, sondern das sehr reale karge Leben, die Not und das graue Leben der Menschen. An der Wand gegenüber trifft man auf schrille Fotos von Männern und Frauen am Strand, in Bars — eine Szene, die lange in Kuba verboten war. „Homosexualität ist in Kuba nicht mehr untersagt, aber gesellschaftlich noch nicht so richtig anerkannt“, beschreibt Tonel die Situation.

Der Aufbau des Landes war mühsam, der Weg für die Künstler gleichfalls. Mit dem Zerfall der Sowjetunion zerbrachen kubanische Hoffnungen. In Kuba kam es zur Wirtschaftskrise. Die Ausstellung arbeitet mit den Erinnerungen daran. Sie zeigt gewaltige Bilder nach Zeitungsfotos — Soldaten, die mit einer „Aeroflot“ in die Heimat zurückkehren. Gegenüber ein dunkles Feld, eine gesichtslose Masse: „Dieser Künstler hat kubanische Briefmarken in riesige Formate umgesetzt“, erklärt Tonel. „Plötzlich sehen sie aus wie die gewaltigen Massen, vor denen Diktator Fidel Castro aufgetreten ist.“

An die Kuba-Schau von 1990 kann sich Tonel noch gut erinnern. „Kuba war zuvor in Europa kaum sichtbar“, meint er. „Danach registrierte man zunehmend, was Kunst aus Kuba ausmacht.“ Heute stehe die globale Kunstszene im intensiven Kontakt mit den Kunstschaffenden auf Kuba. „In Europa und Amerika werden zahlreiche Künstler aus Kuba von renommierten Galerien vertreten, das ist ein gutes Zeichen.“ Wie geht es weiter? Im Rahmen einer geplanten Konferenz sollen die Themen der Ausstellung von Aachen nach Havanna reisen: das „x“ diesmal als Variable „für“, also „Kunst für Kuba“.

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