Aachen: Kratzen am Sargdeckel: „Die Pest” in der Kammer

Aachen: Kratzen am Sargdeckel: „Die Pest” in der Kammer

„Dokumentarisches Theater”, das klingt reichlich verkopft. Doch Hans-Werner Kroesinger, einer der bedeutendsten Vertreter dieser Spielart im deutschsprachigen Raum, hat schon mehrfach in Aachen bewiesen, dass dies nicht so sein muss.

Jetzt hat er sich Albert Camus Roman „Die Pest” angenommen und mit einem anderen Camus-Titel - „Belagerungszustand” - verbunden.

Das minimalistisches Bühnenbild von Rob Moonen (auch Video und Kostüme) strahlt große Kälte aus. Stählerne Gitter, weißliche Särge - mehr braucht es nicht, um Stillstand und Tod auf die Bühne zu bringen. Im Hintergrund das graue Meer von Oran, der Handels- und Hafenstadt in Algerien.

Die sechs Akteure stehen wie erstarrt. Sie werden bedroht von einer Krankheit, die sie Pest nennen. Nichts kann die Infektion aufhalten, die Stadt wird abgeriegelt. Immer mehr Menschen sterben, alles gesellschaftliche Leben erlischt. Gefangen im Ausnahmezustand - man traut fast niemandem mehr, jeder könnte die schreckliche Krankheit in sich tragen.

Die sechs Schauspieler wechseln ständig in ihren Sprechrollen. Ein bewusster Kunstgriff Kroesingers, der nur anfangs für Verwirrung sorgt. Julia Brettschneider kratzt mit dem Fingernagel über einen Sargdeckel, eine minuziöse „Berichterstattung” bricht sich Bahn.

Philipp Manuel Rothkopf gibt dem tapferen Arzt Rieux starkes Profil, eine Figur wie Sisyphos, den Camus ja einen glücklichen Mann nannte, weil er nie aufgab. Emilia Rosa de Fries und Elisabeth Ebeling kämpfen mutig dagegen an, dass in Camus Roman Frauen nur als Abwesende vorkommen.

Rainer Krause imponiert besonders als fanatischer Jesuitenpater Paneloux, der die Pest als ein „Gottesgericht” für die Sünder betrachtet. Der sich aber später den Sanitätstrupps anschließt und ebenfalls von der Pest dahingerafft wird. Aber auch als Außenseiter Tarrou, ein „Heiliger ohne Gott”, geht seine Intensität unter die Haut.

Robert Seiler überzeugt etwa als Journalist Rambert, der die verpestete Stadt unbedingt verlassen will, um zu seiner geliebten Frau in Paris zu gelangen.

Camus stellt die großen Fragen der Menschheit, Kroesinger verwandelt sie in fesselnde Theatersprache. Kann es in einer Situation wie dieser noch Menschlichkeit und Solidarität geben?

Überdeutlich wird der Bezug auf das von den Nazis belagerte Frankreich, die tödliche Beulenpest tritt als Gewalt, Unrecht und Tyrannei hervor, die man mit allen Mitteln bekämpfen muss.

Ein „strapazierendes” Stück im besten Sinne, das vom Publikum herzlichen Beifall erhielt.