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Aachen: Kraftvoll befreit vom Dunst der Walzerseligkeit

Aachen : Kraftvoll befreit vom Dunst der Walzerseligkeit

„Alle Menschen werden Brüder!” Je öfter Beethovens Neunte zu besonderen Anlässen vom Neujahr bis zur Wiedervereinigung erklingt, um so brüchiger wirkt Schillers Humanitäts-Pathos, um so verkrampfter stellt sich Beethovens aufgesetzter Optimismus in Pose.

Ohne Kommentar wagt man den vierten Satz heute kaum noch einem Publikum vorzusetzen. Im Aachener Neujahrskonzert schaltete man dem Schlusssatz einen Zwischenruf des prominenten syrischen Historikers und Islamwissenschaftler Bassam Tibi vor.

Demokratischer Friede

Der anerkannte Vermittler zwischen dem Islam und westlichen Kulturen hatte Denkenswertes zur Zukunft eines friedlichen Zusammenlebens der beiden Weltreligionen beizutragen.

Tibi erinnerte an Kants Vorstellung des Demokratischen Friedens, die von der These ausgeht, Demokratien führten gegeneinander keine Kriege.

Tibi plädierte für eine fortschreitende Demokratisierung der Welt, ohne anders denkende Kulturen zu diskriminieren. Als völlig indiskutabel verurteilte Tibi Bushs politische „Eintagsfliege”, eine Weltordnung unter amerikanischer Kontrolle errichten zu wollen.

Bedenkenswerte Worte, die Tibi allerdings in Form eines wissenchaftlichtlichen Traktats vortrug und damit den Bezug zu Beethovens problematischem Schlusssatz in kaum noch nachvollziehbare Ferne rückte.

Hier wäre gewiss ein künstlerisch geformter Beitrag angemessener gewesen, sei es durch geeignete literarische Texte, sei es durch den Einschub von klingenden Kontrastmitteln wie der Sterbeszene aus Bachs Matthäus-Passion oder Schönbergs Überlebenden aus Warschau. Erprobte Praktiken, die beliebig variiert werden könnten.

Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch mied in seiner Interpretation Pathos wie der Teufel das Weihwasser. Fast raubeinig ging er mit dem Schlusssatz um, nahm manchen orchestralen Schnitzer in Kauf, scheute keine klangliche Schärfe und erfasste Beethovens Bekenntnis als expressiven Aufschrei nach einer menschlicheren Welt.

Die Konsequenz, mit der Bosch ohne Rücksicht auf klassisch geglättete Verluste seine Konzeption umsetzte, beeindruckte, doch leistete er der ohnehin zur Brüll-Orgie neigenden Chorpartie ungewollt Vorschub, auch die letzten Schranken fallen zu lassen. Das ist dem Opernchor des Aachener Theaters und dem Chor der vocapella gewiss nicht anzulasten.

Doch sah sich dadurch das Solistenquartett veranlasst, vom ersten Ton an lauthals mitzubrüllen, was der Intonation und der Klangkultur nicht sonderlich gut bekam.

Bassist Claudius Muth konnte auch mit voller Dröhnung seine Höhenprobleme nicht verschleiern, Michael Ende hatte keine Chance, seinen kultivierten Tenor adäquat einzusetzen, die beiden Damen, Lisa Graf (Sopran) und Judith Berning (Alt), verloren angesichts des Schlachtenlärms bisweilen die Kontrolle über ihre Intonation.

Gesitteter ging es in den qualitativ ungleich höherwertigen ersten drei Sätzen zu. Allerdings ohne den spätromantischen Versuch, die Musik zu mystifizieren.

Man fragt sich, ob man trotz dieses heute aktuellen Ansatzes den mirakulösen Beginn des Kopfsatzes mit der aus dem Nichts entstehenden Entwicklung des Hauptthemas so nüchtern und ereignislos exerzieren, ob das Hintergründige des Adagios so radikal überspielt werden muss?

Doch Kompromisse kennt Bosch nicht. Auch nicht beim Presto-Scherzo, das er so rasant anschlug, dass ein präzises Orchesterspiel unmöglich erreicht werden konnte.

Viel Beifall für eine sehr eigenwillige und diskussionswürdige Aufführung der Neunten, die die Problematik des Werks deutlich machte und das Neujahrskonzert vom Dunst walzerseliger Wunschkonzerte befreite.