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Bonn: Kostbarkeiten in nie da gewesener Wunderkammer

Bonn : Kostbarkeiten in nie da gewesener Wunderkammer

Der Spiel- und Arbeitstisch der Kurfürstin Magdalena Sibylla von Sachsen entstand um 1628.

Das 62 Zentimeter hohe, 1,45 Meter breite und 95 Zentimeter tiefe Möbelstück ist ebenso kostbar wie multifunktional. Der Tisch ist zugleich Musikinstrument, Bildergalerie und Nähkästchen, ein Schachspiel sorgt für geistvolle Zerstreuung inmitten all der Fächer, Phiolen und Gevierte, an den Unterseiten sind Schubladen eingepasst, so raffiniert, dass man sie kaum bemerkt.

Das fürstliche Amusement-Möbel gehört zur Staatlichen Kunstsammlung Dresden und ist normalerweise dort auch anzutreffen. Jetzt kann man es, zusammen mit 600 weiteren hochkarätigen Highlights und Sammlungsgegenständen von der Lutherzeit bis zum Bauhaus, in der Bonner Bundeskunsthalle bewundern.

Der Tisch der Magdalena Sibylla hat für die Ausstellung „Nationalschätze aus Deutschland” Symbolcharakter, denn das, was da auf 2000 Quadratmeter in Szene gesetzt wird, ist ebenso vielseitig und ebenso kostbar. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung haben 25 bedeutende Museen, Stiftungen und Sammlungen aus dem Osten der Republik ihre exquisitesten Kunstwerke ins Rheinland geschickt und präsentieren so eine Schau, wie sie in dieser Größenordnung noch nie da gewesen ist.

Acht Abteilungen

Die chronologisch angeordneten acht Abteilungen der Schau gleichen den Fächern eines überdimensionalen Kabinettschranks, in der Wunderkammer von Bonn locken Kostbarkeiten, Kuriositäten, Kunstwerke von Weltrang.

Das beginnt mit einer Lutherbibel von 1534 und endet mit einem schwingenden Sessel-Entwurf, den Marcel Breuer 1926 in Dessau schuf. Dazwischen leuchtet die rissige Patina der Porträts von Lucas Cranach dem Älteren, glitzern Metallfäden auf opulenten Wandteppichen und funkeln Edelsteine auf Schwertscheiden.

Matt glänzende Alabaster-Skulpturen wetteifern mit hell schimmernden Bronzebüsten, riesig und rund ragt die Uhr auf, von der man bereits 1727 die Weltzeit ablesen konnte. Von der Sehnsucht nach fernen Ländern künden der Panzer einer Landschildkröte aus Westindien, das Präparat einer italienischen Beutelmeise oder der Schnabel einer Kropfgans, die einst Sibirien überflog.

Nautiluspokale und Hausaltäre wecken Ehrfurcht, eine präparierte Mumie blankes Entsetzen. Immer neue Fächer tun sich auf und bieten ihre Schätze willfährig den Blicken dar: Japanisches und chinesisches Porzellan und solches aus Meißen, ein Blick auf Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke, gesehen mit den Augen eines Canaletto, Teile eines silbernen Geschirrs, das einst die Tafel Friedrichs des Großen, zierte, Autographe und Musikbeispiele von Händel und Bach, Goethe in Marmor, der Winter als Landschaft von Caspar David Friedrich.

Je weiter man kommt, desto schwindliger macht diese Schatzkammer voller Pretiosen: Kreuzigungsszenen und Madonnenbilder aus den Ateliers der Nazarener, Lenbachs Italienerknabe und Menzels Eisenwalzwerk, Bronzen von Degas und Marc, Holzschnitte von Kirchner, Jugendstilteller, expressionistische Plakatkunst und Kleider, wie sie die wohl berühmteste aller Schulen für Gestaltung, das „Bauhaus” schneiderte.

Wem all das noch nicht reicht, kann sich für vier Euro extra akustisch von Prominenten wie Otto Sander durch die Ausstellung begleiten lassen, an einer von 13 Themenführungen teilnehmen, die die Leihgeber-Institutionen anbieten, oder Vorträgen von Kunsthistorikern, Musikwissenschaftlern und Landschaftsarchitekten lauschen.