Aachen: Konzert im Aachener Musikbunker: „So nah dran, dass wir die Leute spüren“

Aachen : Konzert im Aachener Musikbunker: „So nah dran, dass wir die Leute spüren“

Mit der Verpflichtung des weltweit hoch angesehenen, in San Francisco ansässigen Kronos Quartets für ein Konzert im Aachener Musikbunker ist eine kleine Sensation gelungen. Normalerweise tritt das Streichquartett in den berühmtesten Konzerthallen der Welt auf, von der Elbphilharmonie bis zur Royal Albert Hall.

Dass die vier experimentierfreudigen Musiker in Aachen vor bescheidenen 200 Zuschauern ihr neues Repertoire „Fifty For The Future“ aufführen werden, ist dem Reiz des Überschaubaren geschuldet, den David Harrington, Gründer und musikalischer Leiter des Kronos Quartets, im Gespräch mit Michael Loesl artikuliert.

Mr. Harrington, welches war das kleinste Publikum, vor dem das Kronos Quartet je gespielt hat?

David Harrington: Das war unser allererster Auftritt 1973. Damals waren neun Leute im Publikum, zu denen fünf Verwandte von mir zählten. Mir gefallen Aufführungen vor einer überschaubaren Zahl von Zuhören ausgesprochen gut. Meine Tochter ist Lehrerin, und vor zwei Wochen spielten wir in einem Klassenzimmer ihrer Schule. Darin hatten gerade mal 22 Schüler Platz, aber es war eins der besten Konzerte, die wir je gespielt haben.

Dagegen wirkt die Zahl von 200 Zuhörern, vor denen Sie in Aachen spielen werden, geradezu groß.

Harrington: Es gefällt uns, wenn das Publikum so nahe an uns sitzt, dass wir die Leute physisch spüren können. Man kann die Musik dann nämlich auch im Publikum so hören, wie wir sie hören. Es ist tatsächlich möglich, die Haare des Geigenbogens zu hören. Das schafft eine geradezu intime Greifbarkeit der Erzeugung von Musik, zu der wir gerne einladen möchten. Magie entsteht in der Konzertsituation nur, wenn es keine Barriere zwischen Musikern und Zuhörern gibt.

Gehört dazu nicht auch die Barrierefreiheit in Ihrem Kopf? Ihr Quartett hat Kompositionen von Alban Berg, Frank Zappa, Steve Reich, Beethoven und Angélique Kidjo aufgeführt. Geht es Ihnen um Herausforderungen oder um kompositorische Qualität in der Wahl Ihres Repertoires?

Harrington: Mir ging es immer darum, Neues entdecken zu wollen und kontinuierlich über Musik zu lernen. Die Neugierde darauf, wer als Nächster etwas Fantastisches komponiert, hat uns als Quartett in alle Himmelsrichtungen getrieben. Wenn ich zu Alban Bergs Lebzeiten Musiker gewesen wäre, hätte ich vermutlich jeden Tag an seine Haustür geklopft und um neue Partituren gebettelt. Sein erstes Streichquartett Opus 3 ist eine der großartigsten Kompositionen für vier Streicher. Ich wünschte, es gäbe mehr von ihm.

Ist der Leitfaden des Kronos Quartets entsprechend das Aufbauen auf bereits Gespieltem mit neuem Repertoire?

Harrington: Unbedingt. Das Wundervolle am Musikersein ist das Erkunden der Musikwelt. Diese Welt wird für mich jeden Tag größer und faszinierender. Ich weiß nie genau, was ich als Nächstes hören darf. Heute Morgen wurden mir sieben Komponisten aus Russland vorgestellt, von denen ich vorher nie gehört hatte.

Ist Musik eine Art Zufluchtsort?

Harrington: Wir werden demnächst ein Stück eines Komponisten aus der Slowakei spielen. Er hat es dem dort ermordeten Journalisten Ján Kuciak gewidmet. Am Ende des Monats führen wir außerdem neue Musik des amerikanischen Komponisten Dan Becker auf, in die er die Stimmen der Highschool-Schüler integriert hat, die den Amoklauf in Florida überlebt hatten. Er nennt seine Stücke ‚Musikalischen Journalismus‘, was mir gut gefällt. Wir versuchen als Streichquartett, ein Gegengewicht zur scheußlichsten Form menschlichen Verhaltens zu sein, das wir seit Langem erleben. Schauen Sie sich den Präsidenten unseres Landes an, und Sie wissen, was ich meine.

Kann Schönheit dem Widerwärtigen trotzen?

Harrington: Sie muss es sogar. Unsere Verantwortung als Musiker im Jahr 2018 ist das Finden von Schönheit an so vielen Orten wie möglich und das Zelebrieren der Vielfalt menschlichen Ausdrucks. Wenn ich an der Zollabfertigung eines Flughafens nach meinem Beruf gefragt werde und Musiker sage, bin ich nie stolzer darauf gewesen als heute.

Ist Ihre Mitgliedschaft im Kronos Quartet nicht längst ein Türöffner in beinahe jedes Land?

Harrington: Der Zollbeamte in Amsterdam fragte mich gestern, warum ich in die Niederlande geflogen war. Er wollte auch noch wissen, in welcher Gruppe ich spiele. Nachdem ich es ihm gesagt hatte, strahlte er mich an, sagte ‚Glückwunsch!‘ und stempelte meinen Pass ab. Ich dachte bei mir, es hat 45 Jahre gedauert, bis ich so was erleben durfte, aber endlich kennt man uns auch in Zöllner-Kreisen.

Haben Sie je darüber nachgedacht, Amerika permanent Richtung Europa zu verlassen?

Harrington: Nein, und das liegt nicht daran, dass ich Europa nicht mag. Es gibt etliche Leute in Amerika, die unserem Land den Rücken kehren wollen. Aber das finde ich nicht logisch. Ich lasse es schlicht nicht zu, dass mich Donald Trump aus meinem Land vertreibt. Ich werde meine Grundwerte, die mit der amerikanischen Verfassung de_SSRqaccord gehen, bis zum letzten Atemzug verteidigen. Mit dem Kronos Quartet feiern wird gerade großartige amerikanische Musikmomente. Billie Holidays Aufführung von ‚Strange Fruit‘ gehört dazu, ‚House Of The Rising Sun‘ von den Everly Brothers, der ‚Star-Spangled Banner‘ von Jimi Hendrix auch. Eine Art, der Blödheit etwas entgegenzuhalten, ist kulturelle Exzellenz.

Existiert Musik, um uns als Menschen zu definieren oder um uns wachzurütteln?

Harrington: Im Idealfall schafft sie sowohl das eine als auch das andere. Mich verbindet Musik mit Aspekten des Lebens in einer Form, zu der keine andere Kunstform imstande ist. Oft sind Stücke, die zutiefst menschlich und wunderschön klingen, unglaublich beunruhigend, weil sie mir die Vergänglichkeit und Verletzbarkeit des Lebens vor Augen halten. Dann möchte ich diesen kostbaren Moment so intensiv wie möglich erleben. Je länger ich Musiker bin, desto weniger verstehe ich Musik. Und umso mehr fühle ich mich ihr verbunden.

Der Großteil des Programms, das Sie aufführen werden, entstammt Ihrem Projekt „Fifty For The Future: The Kronos Learning Repertoire“. Können Sie das Projekt bitte erklären?

Harrington: Als ich zwölf Jahre alt war, entdeckte ich Beethovens zwölftes Streichquartett Opus 127. Das war 1961, ich verliebte mich in diese Es-Dur-Akkorde und wollte diesen Klang selbst erzeugen. Ich besuchte die öffentliche Bibliothek in Seattle, fand die Partitur, rief drei Freunde an und ein paar Wochen später klang unser Spielen wie auf der Platte. Viele Jahre später wurde uns Kronos-Musikern klar, dass Musiker, die unsere Konzerte besuchten, keine Partituren der Stücke finden konnten, die wir spielten. Also gaben wir 50 Kompositionen in Auftrag, deren Partituren man sukzessive kostenfrei von unserer Website herunterladen kann. Darum gehte_SSRqs in dem Projekt. Und außerdem stellt es uns als Quartett auch vor die teils enorm herausfordernde Aufgabe, die neuen Kompositionen zu lernen. Aber, wie gesagt, für uns gibte_SSRqs nichts Spannenderes.

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