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Düsseldorf: Konrad Thur: Klimmzug an zwei Fingern mit 97

Düsseldorf : Konrad Thur: Klimmzug an zwei Fingern mit 97

Dass ein Sohn seinen 97-jährigen Vater mit ins Varieté nimmt, ist ungewöhnlich. Dass die Beiden dort zwei Monate lang als Attraktion des Abends auf der Bühne stehen, ist eine Sensation. Die "Thuranos", Johnjohn (60) und Vater Konrad Thur (am 4. April 97 geworden), sind eine solche Sensation. Und eine Variete-Legende dazu.

Noch bis Ende Mai sind sie mit ihrem verrückten Drahtseil-Akt in Bernhard ("Roncalli") Pauls "Apollo Variete" unter der Düsseldorfer Rheinknie-Brücke zu sehen. Dabei hatte es Anfang des Jahres geheißen, Konrad Thur, der weltweit älteste noch aktive Varieté-Artist, sei auf Abschieds-Tournee. Im Hamburger "Dinner Circus" in Hagenbecks alter Dressurhalle wolle der kleine, feine, alte Herr Abschied von der Bühne nehmen.

Er will nicht aufhören - warum auch?

Von wegen. Wer Konrad Thur über die Bühne wieseln sieht, wer miterlebt, wie er mit schlafwandlerischer Sicherheit den Mast erklimmt und auf der Fläche von zwei Frühstücksbrettchen in luftiger Höhe seine Späße macht, wer staunend sieht, wie er - nur an zwei Fingern hängend - zu einem Klimmzug am Drahtseil abhebt, wer erlebt, wie der 97-Jährige genießt, wenn sich die Leute ihm zu Ehren applaudierend von ihren Stühlen erheben, der kann sich alles mögliche vorstellen, nur nicht, dass der kleine, große Künstler in dem schwarz-weiß karierten Anzug jemals freiwillig die Bühne räumen wird.

Es ist eine zauberhafte Nummer, die derzeit im "Apollo" den Abschluss der aktuellen Show mit dem viel versprechenden Namen "Prima!" bildet. Wundervolle Artisten, spektakuläre Aktionen - doch viele Besucher in dem hübschen, kleinen Theater unter der Brücke kommen nur, um "ihn" zu erleben. Nicht wenige sind "Stammkunden", die sich Jahr für Jahr auf den traditionellen Auftritt der "Thuranos" rund um Konrad Thurs Geburtstag am 4. April freuen.

Einzigartige Bühnenpräsenz

Denn Konrad Thurano ist ein Erlebnis. Mit augenzwinkerndem Charme und gespielter Tüddeligkeit setzt der Mann mit dem verschmitzten Lächeln die Akzente in der rund 20-minütigen Darbietung. Währenddessen liefert sein Sohn veritable Leistungen auf dem Drahtseil. Springt Seilchen auf "Klompen" etwa oder springt über einen vom Vater übers Drahtseil gehaltenen Tisch. Doch der kleine, alte Herr mit dem zerknautschten Hütchen spielt seinen Sohn, der mit seiner feinen Goldrand-Brille durchaus auch hinter einem Bankschalter durchgehen würde, mühelos an die Wand.

In den 20er Jahren war Konrad Thur im Düsseldorfer Strandbad von Artisten des damaligen "Apollo" entdeckt worden. Sie bescheinigten dem Turner an den Geräten im Strandbad, er habe Talent und luden ihn zur Artisten-Ausbildung in ihrem Haus. Seine Eltern drückten es etwas weniger feinfühlig aus und nannten ihn "Hampelmann", was aber im Kern das gleiche bedeutete.

Alle getroffen, überall gewesen

Die nächsten Jahrzehnte lassen sich kurz zusammenfassen in: Konrad Thur hat die Welt gesehen und mit und vor allen gespielt, die in ihr etwas bedeuteten. Namen? Wo will man anfangen, wo aufhören? Beim Schah von Persien? Charlie Chaplin? Grock? Marlene Dietrich? Zarah Leander? Queen Mary? Muhammad Ali?

Konrad Thur ist inzwischen fast blind. Man merkt es erst nach der Nummer, wenn er auf der Bühne behutsam von den anderen Künstlern oder von seinem Sohn an seinen Platz dirigiert wird. Während der Vorführung deutet nichts auf seine Sehschwäche hin. Er kennt jeden Millimeter der Bühne, jeder Handgriff sitzt.

Das ist zugleich das Faszinierende an ihrer Nummer: Obwohl Vater und Sohn seit mehr als 50 Jahren mit ihrem "Crazy Wire Act" gemeinsam auf der Bühne stehen, zeigt ihr Spiel keinerlei Ansätze von Routine oder Verschleiß. Das ist frisch und munter, so als hätten die beiden sich gestern zum ersten Mal auf der Bühne ihr kleines "Duell" geliefert und beschlossen: Das machen wir jetzt jeden Abend so.

Da sind zwei am Werk, die sich (pardon!) blind verstehen und vertrauen, die vielleicht sogar ein Stück ihres privaten Vater-Sohn-Verhältnisses auf der Bühne ausleben. Überspitzt und sich selber karikierend bisweilen, im Kern aber immer warm und herzlich und so echt wie ihr Bühnenname.

Das muss man einfach gesehen haben. Bis 28. Mai besteht noch Gelegenheit dazu. Dann erst wieder nächstes Jahr. Wenn Konrad Thur 98 wird.


Internet: http://www.apollo-variete.de