Aachen: Komponist Leonard Bernstein und sein bewegtes Leben

Aachen : Komponist Leonard Bernstein und sein bewegtes Leben

„Mein Sohn ein Klesmer — ein armseliger Bettelmusikant? Nie und nimmer!“ Harte, verständnislose Worte, mit denen Samuel Bernstein seinen Sohn Louis, der sich mit 16 Jahren in Leonard umbenannte, vor einer brotlosen Musikerkarriere schützen wollte.

Dass Leonard Bernstein, der vor 100 Jahren geboren wurde, einer der erfolgreichsten und berühmtesten Musiker des 20. Jahrhunderts werden sollte, konnte der Vater nicht ahnen. Und der war auch alles andere als hartherzig. Aus dem schroffen Verbot sprach die Sorge eines Vaters, der die Armut kannte.

Die Familie kann auf eine lange Rabbiner-Tradition in der Ukraine zurückblicken. Shmuel alias Samuel Bernstein lebte in einem von den Russen geduldeten „Shtetl“, in dem sich die jüdischen Bewohner zunehmender Bedrohungen ausgesetzt sahen. 1908 entschied sich Samuel, die Heimat zu verlassen, und trat eine beschwerliche Reise nach Amerika an. Samuel kämpfte als Tagelöhner auf dem Fischmarkt ums Überleben, fand letztlich eine Anstellung im Friseurladen eines Onkels und gründete mit viel Ehrgeiz und Erfolg eine eigene kleine Firma, die „Samuel Bernstein Hair Company“.

Es beginnt mit einem Klavier

1917 heiratete er eine Jugendliebe, und ein Jahr später wurde als erstes Kind Louis geboren, das schon früh „Lenny“ gerufen wurde. Ein kränklicher, von Asthma und Allergien geplagter Knabe, der die Firma übernehmen sollte, sich jedoch von klein auf zu allem hingezogen fühlte, was mit Musik zu tun hatte. Musik spielte in der Familie keine Rolle, eine systematische Musikausbildung war nicht vorgesehen. Als eine Tante, die von Boston nach New York umzog, ihr altes Klavier den Bernsteins überließ, war es um den zehnjährigen Buben geschehen.

Nach eigenen Bekenntnissen spürte er, wenn er zunächst autodidaktisch auf dem Klavier improvisierte, Energien in sich wachsen, die ihn seine gesundheitlichen Beschwerden vergessen ließen. Musik wurde zu seinem Lebenselixier. Ein Tag ohne Musik wäre für ihn so undenkbar gewesen wie ein Tag ohne Atemluft, bekannte er später: „Musik ist für mich wie ein Liebesakt“.

Und zwar ein lebenslanger bis zu seinem Tod am 14. Oktober 1990. Das bedeutet Glück, kostet aber auch Kraft. Zumal Leonard Bernstein mit einem ganzen Füllhorn an Talenten gesegnet war. Mit seinen Karrieren als Komponist, Dirigent, Pianist, Pädagoge, Schriftsteller, TV-Moderator und Menschenrechtler nahm er eine singuläre Position im vorigen Jahrhundert ein.

Die Talente wurden ihm geschenkt, doch die Erfolge musste er sich hart erarbeiten. Die Probleme begannen mit dem Klavierunterricht. Der Vater war bereit, einen Dollar pro Klavierstunde für den Unterricht zu zahlen. Als „Lenny“ seine erste Lehrerin nach einem Jahr überflügelte, wechselte er zu einem Lehrer, der drei Dollar verlangte, die der Junge teilweise selbst aufbringen musste. Ganz zu schweigen von professionellen Star-Lehrern in Boston wie Heinrich Gebhard, die 25 Dollar nahmen — wofür „Lenny“ mächtig arbeiten musste.

1939 legte er an der Harvard University sein Examen „cum laude“ ab, setzte aber seine Studien am musikalisch besser ausgerichteten Curtis Institute in Philadelphia fort. Er folgte damit einem Rat von Dimitri Mitropoulos, der dem jungen Mann empfahl, Dirigent zu werden. Bernstein folgte der Empfehlung, und Mitropoulos hat er zwei weitere „Geschenke“ zu verdanken: Seine lebenslange Liebe zur 2. Symphonie Robert Schumanns und die bis dahin ungewöhnliche Praxis, als Solist das Orchester vom Klavier aus zu leiten.

In Philadelphia traf er auf zwei Dirigenten-Koryphäen, die seinen weiteren Lebenslauf als Dirigent bestimmen sollten: Fritz Reiner, der ihm das nötige Handwerk beibrachte, und Sergej Koussevitzky, der mit väterlicher Wärme die Karriere förderte. Dass die wichtigsten musikalischen Posten in Amerika von europäischen Einwanderern besetzt waren, gehörte zum musikalischen Alltag. Der Grieche Mitropoulos, der Ungar Fritz Reiner und der Russe Sergej Koussevitzky sind nur drei Repräsentanten einer bis heute andauernden Serie europäisch geprägter Persönlichkeiten, die die musikalische Tradition des alten Kontinents in die „Neue Welt“ trugen und tragen.

Leonard Bernstein sollte der erste global wirklich bedeutende Dirigent werden, der in Amerika das Licht der Welt erblickte und der mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit alle musikalischen Einflüsse von Bach bis zum Jazz in sich aufsog. Und der dabei seine eigene Herkunft und vor allem seinen jüdischen Glauben niemals verleugnete. Auch wenn er nicht dem antijüdischen deutschen Terror ausgesetzt gewesen war: Auf paradiesische Zustände stieß ein Jude in den 30er Jahren auch in Amerika nicht.

Den Namen ändern?

Ob es Koussevitzky ihm sagte oder ein Konzertagent, ist nicht ganz klar, aber Bernstein erwähnte wiederholt den Rat, seinen Namen ändern zu sollen: „Mit dem Namen Bernstein können Sie in Amerika keine Karriere machen.“ Bernstein blieb Bernstein, und er konvertierte auch nicht zum christlichen Glauben. Anders als Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler. Zwei Komponisten, denen sich Bernstein geradezu seelenverwandt fühlte und für die er sich leidenschaftlich einsetzte. Dass sie sich vom jüdischen Glauben abwandten, hat er ihnen verziehen.

Die Dirigentenkarriere setzte sich fort. Koussevitzky beschäftigte Bernstein beim Tanglewood Festival in der Nähe von Boston, Artur Rodzinski engagierte ihn 1943 zum Assistenten bei den New Yorker Philharmonikern. Der 14. November 1943 wurde zu einem Schicksalstag. Bruno Walter musste ein landesweit übertragenes Nachmittagskonzert des New York Symphony Orchestras in der Carnegie Hall krankheitsbedingt absagen. Bernstein war gerade einmal 25 Jahre alt, wurde von Rodzinski wenige Stunden vor dem Konzert benachrichtigt, trat völlig übernächtigt ohne Probe ans Pult und siegte auf ganzer Länge.

1945 wurde er Chefdirigent des New York City Symphony Orchestras, 1951 übernahm er die Leitung der Dirigierklasse beim Berkshire Music Center in Tanglewood sowie eine Dozentur an der Brandeis University. 1958 ernannten ihn die New Yorker Philharmoniker zu ihrem Musikdirektor. Bernstein, damals 40 Jahre alt, war damit der erste in den USA geborene und ausgebildete Musiker, der in eine der Spitzenpositionen des nordamerikanischen Musiklebens berufen wurde. Im Laufe einer zwölfjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit dirigierte Bernstein mehr Aufführungen des Orchesters als alle seine Amtsvorgänger.

Für Bernstein war es Ehrensache, dass er dem Israel Philharmonic Orchestra zeitlebens nahestand und noch vor Gründung des Staates Israel 1948 unter gefährlichen Umständen auf palästinischem Terrain musizierte. Eine zweite Heimat fand er bei den Wiener Philharmonikern, für Bernstein die Garanten der großen europäischen Musiktradition.

Es war nicht einfach, die Musiker von der Bedeutung Gustav Mahlers zu überzeugen, dessen Werk er mit den New Yorker Philharmonikern zu großer Popularität gebracht hat. Dabei verließ Bernstein, wie auch Mahler, weder als Dirigent noch als Komponist das Terrain der Tonalität und blieb interessierter, aber nicht aktiv eingreifender Beobachter der Avantgarde um Cage und Boulez.

Es ist kaum vorstellbar, woher Bernstein die Kräfte bezog, neben der unermüdlichen Reisetätigkeit mit seinen Orchestern durch alle Kontinente noch ein riesiges Œuvre als Komponist zu hinterlassen. Anders als George Gershwin, der sich vom Songschreiber zum Opernkomponisten entwickelte, startete Bernstein mit anspruchsvollen symphonischen Werken mit jüdischem Bekenntnisgehalt.

Die relativ späte Beschäftigung mit Songs führte zu Bühnenwerken, in denen die Grenze zwischen Musical und Oper nicht immer scharf zu ziehen ist. Sein größter Erfolg, die „West Side Story“, steht sowohl im dramaturgischen Aufbau als auch in der symphonischen musikalischen Textur der Oper näher als den üblichen Broadway-Musicals. Und die Thematik des aktualisierten „Romeo und Julia“-Stoffs spiegelt Bernsteins antirassistische Einstellung und seinen Unmut über die Vernachlässigung und Diskriminierung der nichtweißen Jugend Amerikas wieder.

Er ließ niemanden unberührt

Seinen Einsatz für Toleranz und Freiheit unterstrich er noch ein Jahr vor seinem Tod, als er zum Berliner Mauerfall mit einer Aufführung von Beethovens „Neunter“ ein Signal setzte. Den Freudenhymnus des Schlusssatzes ersetzte er durch ein Lied an die „Freiheit“, so wie es Schiller ursprünglich beabsichtigte.

Vor 28 Jahren ist Leonard Bernstein gestorben. Jahre, die zeigen, dass uns eine so knorrige, unbeugsame, charismatische und begeisterungsfähige Persönlichkeit fehlt. Geradlinig verlief nichts im beruflichen und privaten Leben des Multitalents. Er eckte an, erregte Widerspruch, ließ aber niemanden unberührt. Man spürte, dass Musik für ihn ein Liebes- und ein Lebenselixier gewesen ist. Und ein „Klesmer“ ist er immer geblieben. Wenn auch kein Bettelmusikant.

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