Komponist Jörg Widmann in Aachen im Fokus

Sinfonieorchester Aachen: Neue Klänge, die weltweit ankommen

„Composer in Focus“ – Komponist im Mittelpunkt: Mit dieser Neuerung setzt der neue Aachener Generalmusikdirektor Christopher Ward Akzente, die seine Vorgänger etwas vernachlässigt haben. Gemeint ist die stärkere Berücksichtigung zeitgenössischer Musik.

In dieser Saison rückt Ward den Münchner Komponisten Jörg Widmann ins Blickfeld des Publikums. Werke von ihm tauchen gleich in fünf Konzerten auf. Dass es Ward ernst damit meint und seine Konzerte nicht nur mit kleinen Alibi-Miniaturen zeitgenössischer Musik garnieren will, hat er bereits in seinem 1. Sinfoniekonzert gezeigt, in dem er Widmanns kapitales Orchesterwerk „Chor“ ins Zentrum des Programms rückte.

Das klanglich schillernde Werk ließ erkennen, weshalb es Widmann neben Wolfgang Rihm und Moritz Eggert zum meistaufgeführten Avantgarde-Komponisten gebracht hat, und warum seine Werke weltweit von den Berliner und Wiener Philharmonikern bis zum Cleveland Orchestra geschätzt werden. Auch wenn er Musikern und Publikum eine Menge abverlangt, ist seine Musik in Sachen Besetzung und Spieltechniken nicht auf Spezialensembles angewiesen, sondern lässt sich auch von traditionellen Kulturorchestern realisieren. Und weil er die klangsinnliche Komponente nie aus den Augen verliert, kommt seine Musik auch dem Publikum entgegen, wenn es bereit ist, sich auf Klänge einzulassen, die gewohnte Erwartungshaltungen an melodische und harmonische Strukturen nicht befriedigen, sondern neue Höreindrücke ermöglichen.

Dass Widmann niemals die Bodenhaftung verliert, hat er seiner Zweitkarriere als international renommierter Klarinettist zu verdanken, der Mozart ebenso gern bläst wie Modernes, und als Praktiker weiß, was er Musikern und Hörern zumuten kann.

Geboren 1973 in München, begann bereits Widmanns Ausbildung auf Champions-Niveau. Komposition studierte er in München und an der New Yorker Juilliard School bei Koryphäen wie Hans Werner Henze, Heiner Goebbels und Wolfgang Rihm. Zu seinen Klarinettenlehrern gehörte niemand Geringerer als Dieter Klöcker. Mittlerweile ist Widmann so anerkannt, dass er sowohl von hartgesottenen Avantgardisten als auch von traditonellen Orchestern und Opernhäusern akzeptiert wird. Als Opernkomponist hat er vor acht Jahren an der Deutschen Oper am Rhein mit seiner Oper „Das Gesicht im Spiegel“ für Aufsehen gesorgt, mittlerweile hat die Bayerische Staatsoper sein bisher letztes Bühnenwerk „Babylon“ mit Erfolg aus der Taufe gehoben.

Dennoch bekennt er sich leidenschaftlich zur Kammermusik, und auf diesem Terrain präsentierte er sich 2009 als „Composer in Residence“ und als Klarinettist zusammen mit seiner Schwester Carolin, einer erfolgreichen Geigerin, bei den Heimbacher „Spannungen“.

Seiner außerordentlichen Doppelbegabung hat Jörg Widmann zu verdanken, dass er bereits in jungen Jahren als Professor für Klarinette und Komposition aktiv werden konnte. Von 2001 bis 2015 lehrte er als Professor für Klarinette an der Freiburger Hochschule für Musik, und ab 2009 erhielt er dort eine zusätzliche Professur für Komposition. Seit 2017 bekleidet er einen Lehrstuhl an der Barenboim-Said-Akademie in Berlin.

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