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Köln: Kölner Dreigestirn: Viel zu tun und Angst vor Aschermittwoch

Köln : Kölner Dreigestirn: Viel zu tun und Angst vor Aschermittwoch

Mit Tempo 80 donnert die silbergraue Wagenkolonne durch die Kölner Innenstadt und bei Dunkelgelb über die Ampel. Bei der Auffahrt auf eine Hauptverkehrsstraße stellt sich einer der Wagen quer und hält damit den Verkehr auf, so dass die Kolonne ohne anzuhalten durchbrausen kann.

Hin und wieder schaut ein Fußgänger auf - und dann spielt sich jedes Mal die gleiche Szene ab: Erst guckt er verärgert - „Was ist denn hier los?” - aber sobald er erkennt, wer da naht, hellt sich sein Gesicht auf, er beginnt zu winken, zu rufen - tanzt vielleicht sogar ein Mal im Kreis, ehe er seinen Weg lächelnd fortsetzt.

Denn die Wagenkolonne gehört nicht irgend einem wichtigtuerischen Politiker, sondern jemandem, der es wirklich eilig hat, weil er noch vielen Menschen eine Freude machen muss: dem Kölner Karnevalsprinzen.

Um 14 Uhr hat das Dreigestirn - Prinz, Bauer, Jungfrau - seine Hofburg verlassen. Die Hofburg ist ein Luxushotel, dessen Eingang mit einer Burgkulisse dekoriert ist. Erster Termin heute: Karnevalsfeier des Superintendenten der Evangelischen Kirche.

Als Prinz Jacky I. aus dem Auto steigt, fährt ihm ein Windstoß durch seinen Federhut - doch sofort ist sein Adjutant zur Stelle und hält ihm beim Gehen den Hut fest. Die Jungfrau lässt sich noch mal schnell vom Hoffriseur den Lippenstift nachziehen und die waschbare Echthaarperücke mit den Zöpfen zurechtzupfen, dann geht es los.

Man singt und man schunkelt, und doch wirkt das Ganze stellenweise hoch offiziell: Es werden Artigkeiten und Geschenke ausgetauscht, und als der Superintendent vergisst, den Adjutanten der Jungfrau namentlich vorzustellen, bekommt er sofort einen Hinweis. Erst als das Dreigestirn nach 15 Minuten in einen Nebenraum abtaucht, wird die Folie von den Mett-Brötchen gezogen, und man darf zugreifen.

Im Hinterzimmer tupft der Adjutant dem Prinzen das Gesicht ab, die Schminke ist ein wenig verlaufen. Wenn Jacky sich hinsetzt, hebt der Adjutant seinen Umhang hoch, und wenn er etwas zu trinken haben will, besorgt er ihm ein Glas Wasser. Sehr höfisch.

Der Prinz muss sich noch nicht mal selbst anziehen: „Kann er auch gar nicht, weil die Knöpfe ja hinten sind”, erläutert Sigrid Krebs aus dem Vorstand des Festkomitees des Kölner Karnevals von 1823. Das Festkomitee ist ein Zusammenschluss von über hundert Karnevalsgesellschaften. Krebs und die anderen Vorstandsmitglieder sind die Grauen Eminenzen, die Königsmacher im Karneval: Sie bestimmen, wer eine Session lang das Narrenzepter schwingt.

Der Vater von Krebs war zwanzig Jahre Sitzungspräsident, ihre Schwester zwei Mal Karnevalsprinzessin. „In solchen Familien ist jedes Kind im Karnevalsverein aktiv, die Frage stellt sich erst gar nicht”, erklärt sie. Bernd Höft, ebenfalls Vorstandsmitglied, ist nach eigenen Worten schon mit Narrenkappe auf die Welt gekommen. Seine Großeltern haben am 11.11. im Kölner Dom geheiratet.

„Bei uns liefen die Bläck Fööss ganzjährig”, erzählt er. „Einmal hab ich am Karnevalsfreitag die Nasennebenhöhlen aufgestochen bekommen und musste mir den Rosenmontagszug im Fernsehen angucken. Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe.”

Nächster Termin: Mädchensitzung im Gürzenich, Kölns historischem Saalbau. Die Stimmung unter den zumeist schon etwas älteren Mädchen ist in einem fortgeschrittenen Stadium, es herrscht rheinischer Frohsinn in seiner alkoholischen Variante. Aber Jacky bleibt reserviert. Trüge er nicht sein rotweißes Wams und die eng anliegende weiße Strumpfhose mit der Pluderhose darüber, man käme nie auf die Idee, dass er Karnevalsprinz ist.

„Ich war eigentlich immer schon still und zurückhaltend”, gesteht er in einer Pause. „Aber die beiden da” - er zeigt auf Bauer und Jungfrau - „die haben mich überredet. Die wollten unbedingt, dass wir das Dreigestirn machen.” Das war vor acht Jahren.

„Und nun ist dieser Lebenstraum in Erfüllung gegangen, und ich muss sagen, es ist noch intensiver als gedacht. Dieses Ornat zu tragen, das ist was ganz Besonderes. Sobald ich irgendwo reinkomme, gucken die Leute, lachen und freuen sich.” Das Tollste am Tollitätendasein aber ist: „Dass meine 21 Jahre alte Tochter jetzt wieder „Mein Prinz” zu mir sagt.”

Jacky heißt eigentlich Josef Beumling; zu seinem Spitznamen Jacky kam er, weil seine Großmutter ihn auf Grund der eigenwilligen Farbzusammenstellung seiner Kleidung stets „Schecki” rief. Der 49- Jährige hat in den USA studiert, ließ sich zum Trickfilmzeichner ausbilden und ist heute Fachhochschullehrer für die Konservierung von Wandmalereien. Bauer Walter - mit richtigem Namen Walter Hüsch (45) - und Jungfrau Antonia alias Jörg Anton Kaltwasser (40) haben Handwerksbetriebe.

Keiner von ihnen entspricht damit der in Köln weit verbreiteten Meinung, die Mitglieder des Dreigestirns müssten Multimillionäre sein. Was stimmt, ist, dass der Spaß seinen Preis hat: Schätzungsweise den Gegenwert eines kleinen Eigenheims muss das Dreigestirn für seine maßgeschneiderten Ornate, die Orden, die Festessen in großer Gesellschaft, das Wurfmaterial am Rosenmontag aufbringen. „Wenn man lang genug spart und begrenzt Schulden macht, kann man das Geld aber auch als Normalverdiener aufbringen”, sagt Jacky.

Wenig später passiert die Prinzenkolonne das Hinweisschild „Nervenklinik”. Doch ihr Ziel ist die Krebsstation der Universitäts-Kinderklinik. In den Bänken des steil abfallenden Hörsaals wird der Besuch schon erwartet. Hier sitzen Kinder mit Schläuchen in der Nase. Der Kindertherapeut Wolfgang Oelsner - Typ Albert Schweitzer mit Clownshut - spielt Trompete, der Rest seiner kleinen Kapelle besteht aus ehemaligen Patienten.

Dann kommt der Prinz, angekündigt als „Fürst der Freude”. Aber alle schauen nur auf Bauer Walter: Der Zwei-Meter-Mann, der im Kettenhemd und mit Federhut wie ein Riese wirkt, nimmt einen kleinen Jungen mit Trommel auf den Arm - ein rührendes Bild.

Wolfgang Oelsner erklärt den Kindern, was es mit dem Dreigestirn auf sich hat: dass der Prinz früher König Karneval hieß; dass die Jungfrau eigentlich gar keine Frau ist, sondern ein Symbol für die Unberührbarkeit und Unabhängigkeit der Stadt Köln; dass mit dem Bauern kein Landwirt gemeint ist, sondern ein starker Schild- und Wappenhalter, der Stadt und Reich verteidigen kann; und dass er einen Hut mit Pfauenfedern trägt, „denn wenn der Pfau ein Rad wirft, dann ist das ein Kreis ohne Anfang und Ende - ein Symbol der Unsterblichkeit”.

Das Dreigestirn will auch die Kinder besuchen, die zu schwach sind, um in den Saal zu kommen. Am Eingang zur Station steht Professor Bernd Roth, ein hagerer Mann im weißen Kittel, der auch mit Narrenkappe sehr ernst wirkt. „Wir sind immer sehr froh, wenn Sie kommen”, sagt er leise und lächelt. Das Dreigestirn und sein ganzes Gefolge ist jetzt so still, dass man nur die hallenden Schritte im Gang hört.

Manche Zimmer dürfen sie nicht betreten, die Kinder sind zu krank. „Aber da hinten ist ein Mädel, das will, dass Sie wenigstens mal winken.” Eine Mutter ruft: „Helau!” Darauf Jungfrau Antonia: „Die braucht eine Informationsbroschüre.” Helau ruft man in Düsseldorf, in Köln nur Alaaf.

Auf der Krebsstation ist nur ein Kind aus Köln, alle anderen kommen aus Ländern wie Eritrea oder Russland. Mit großen Augen mustern sie die bunten Gestalten, die da plötzlich vor ihnen stehen. Ein Junge humpelt auf Krücken und mit Infusionsständer heran. „Die Kinder werden noch lange daran denken”, sagt Wolfgang Oelsner. „Das ist die Brücke zum Leben draußen, das ist ein Farbtupfer. Diese wunderbaren Kostüme, die man sonst nie von so nah sieht...”

Nach diesem Termin trinkt Prinz Jacky in einem Bierhaus in der Altstadt gegen seine Gewohnheit drei Kölsch. „Für solche Termine wie eben in der Klinik mache ich das”, sagt er. „Dafür würde ich jede Prunksitzung sausen lassen.”

Aber bevor er noch lange darüber grübeln kann, bittet ihn schon wieder jemand um ein Foto: Manfred Polevkovits (60) aus Wien hat sich schon lange gewünscht, mal eine Kölner Prunksitzung mitzuerleben, und nun trifft er auch noch den Prinzen. „Einmalig”, schwärmt er. „Wir haben in Kärnten zwar den Villacher Fasching, aber das ist nur ein Bruchteil.”

Schon geht´s weiter zur nächsten Sitzung. Immer mit dabei ist die Prinzengarde - mindestens zwölf Soldaten in voller Montur samt Waffenrock und Säbel. Was kostet so ein Kostüm? „Kostüm? Ich hör´ wohl nicht richtig! Das ist eine Uniform.” In dieser Hinsicht versteht Jörg Meffert (30), Mitglied der Prinzengarde, keinen Spaß.

Und das mit dem Preis ist auch nicht so einfach: „Kommt drauf an, welchen Rang man hat.” Ob man zum Beispiel Silberstreifen - Litzen - am Ärmel tragen darf. Unter 2500 Euro bekommt man aber nichts. „Das ist alles maßgeschneidert.” Allein für das Polieren der Knöpfe braucht Meffert nach einem verregneten Auftritt drei Stunden.

Was sagen Gleichaltrige, wenn sie das hören? „Ist mir egal. Ich bin schon dabei, seit ich 16 war.” Der älteste Gardist an diesem Tag ist 77 und kann sich noch an einen Auftritt bei Adenauer erinnern.

„Achtung - Aufstellen!” Zwei Flügeltüren öffnen sich, Licht, Musik, Applaus - das Dreigestirn zieht mit Gefolge durch einen Saal voller schunkelnder Narren. Hier wird gerade eine große Prunksitzung fürs ZDF aufgezeichnet. In der ersten Reihe sitzt der nordrhein- westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.

„Es ist schon ein Geschenk, wen man hier alles kennen lernt”, strahlt Bernd Höft aus dem Festkomitee. Dass das mancher führende Karnevalist auch zur geschäftlichen Kontaktpflege nutzen soll - nie gehört: „In anderen Städten mag das vorkommen, aber in Köln...”

Nach diesem Auftritt unter den heißen Scheinwerfern sind alle nass geschwitzt. Aber schon steht die nächste Sitzung auf dem Programm, wieder im Gürzenich. Doch was ist das? Die Veranstalter wissen von nichts. Nein, der Prinz sei nicht eingeplant, heißt es, und man könne ihn auch nicht kurzfristig einbauen. Das gibt´s also auch: Karnevalisten, die das Dreigestirn nicht haben wollen. Immerhin: So gibt´s jetzt eine Pause in der Kneipe. Speis und Trank bezahlt der Wirt - das gehört sich so in Köln.

Bauer Walter, der Hüne, kann noch immer nicht mitschunkeln. Er denkt an die Kinder aus dem Krankenhaus. „Das Gesicht von der kleinen Britta, das geht mir nicht aus dem Kopf”, sagt er. Jeder vierte Termin des Dreigestirns habe einen solchen sozial-karitativen Charakter, erläutert Sigrid Krebs.

Was der Karneval für die Gesellschaft leistet, wird in ihren Augen unterschätzt: „Denken Sie nur mal an die Jugendarbeit in den Vereinen, welche Werte da vermittelt werden. Bei den Tanzgruppen zum Beispiel: Da muss man miteinander harmonieren, pünktlich sein, trainieren, die Uniform pflegen. Und da werden alle integriert - auch Kinder, die nicht musikalisch sind: Die hauen dann eben auf die Pauke.”

Walter hat auch Freunde, die mit dem ganzen Karneval nichts anfangen können, die ihm sagen: „Investier dein Geld doch sinnvoll.” Aber darüber kann er nur schmunzeln. Das hier ist die schönste Zeit seines Lebens - da stimmt auch Jörg, die Jungfrau, zu.

Denkt er manchmal an den Aschermittwoch? Er schluckt. „Ja, schon, aber das schieb ich dann immer weg. Ich hab natürlich schon Angst, dass ich in ein schwarzes Loch fallen könnte.” Sein Jungfrauenornat wird er dann jedenfalls nie mehr anziehen - auch nicht zum Spaß: „Ich habe einfach das Gefühl, dass das nicht in Ordnung wäre. Am Aschermittwoch ist eben alles vorbei.”