Mönchengladbach: Kleists „Der zerbrochne Krug“ als düstere Posse im Theater Mönchengladbach

Mönchengladbach : Kleists „Der zerbrochne Krug“ als düstere Posse im Theater Mönchengladbach

So richtig zum schenkelklopfenden Ablachen ist dieser „Zerbrochne Krug“ nicht gerade. Regisseur Hüseyin Michael Cirpici, der hier zuletzt den Macbeth auch mit Bühnenbildner Sigi Colpe auf die Bühne brachte, beschert dem Grippewelle-ausgedünnten Publikum im Theater Mönchengladbach in Kleists Komödie eine düstere Posse um das offenbare und das geheime Einverständnis zwischen Tätern und Opfern.

Sympathische Gestalten laufen keine auf der Bühne herum, die mit ihren leeren Wanddurchbrüchen, Falltüren und allgegenwärtigen Stolperfallen ein düsteres Überall entwirft. Cirpici macht dem Ensemble Lust auf Kunst, besteht auf tadellosem Handwerk und erzielt große Wirkung.

Man kann den Dorfrichter Adam ja auch als Deppen darstellen, der seine Lust auf junges Gemüse in Gestalt Evchens mit einigen Beulen, besagten Scherben und dem Spott der Gemeinde bezahlt. Cirpici liebt es drastischer, legt seinen Protagonisten Bruno Winzen in zerschlitztem Feinripp, aus Dutzenden Rissen und Beulen blutend ins Halbdunkel der Bühne. Eine Kamera schwebt aus dem Off, hält drauf, was da zerschunden liegt, während das Dorf mit Krügen und Lappen bewaffnet eine rituelle Waschung an ihm vornimmt.

Sperrige, subkutane Klänge pulsen durch den Äther, die die Live-Musikerin Julia Klomfaß den offenen Eingeweiden eines Klaviers entlockt. Es ist dieses verstörend gruslige Eingangsbild, das die folgende Gerichtsverhandlung, diese wunderbare leichte Entlarvung von Machtmissbrauch, Korruption, sexueller Nötigung in Person des Adam, nicht zuletzt jedoch auch die des spießigen Einverständnisses der Bürger mit alldem, düster einfärbt.

Cirpici gelingt es dabei wunderbar, sich mit einseitiger Sympathie für die Figuren zurückzuhalten. Und es sind sämtlich starke Typen auf der Bühne. Winzen spielt den Adam wunderbar selbstmitleidig und dümmlich schmierig — ein Prototyp des korrupten Strippenziehers. Christopher von und zu Lerchenfeld repräsentiert in seinem korrekten Anzug als Gerichtsrat Walter nicht nur die coole Obrigkeit, sondern entwickelt so etwas fremdschämendes Mitgefühl für die abenteuerlichen Händel in diesem Husum, das die Welt bedeutet.

Da ist die gar nicht nur süße und unschuldige Eve, die Anna Pircher hübsch und wütend rüberbringt; ihren Lover Ruprecht lässt Henning Kallweit diverse Male ausklinken, das junge Paar wirkt wie frisch von der Schauspielschule.

Großen Eindruck machen die Erfahrenen: Eva Spotts Krug-Erzählung als Frau Marthe ist Komödie pur, Paul Steinbach vermag die intrigante Seite dem Schreiber Licht wunderbar dezent unterzujubeln, sogar Michael Ophelders blitzt in der kleinen Veit-Rolle vor Spielfreude. Für die Grippe-erkrankte Esther Keil lernte ihre Kollegin Carolin Schupa über Nacht den Frau-Brigitte-Text und bringt die Handlung mit großem Effekt zum krachenden Ende. Cirpici allerdings sieht in der Entlarvung keine Lösung und dreht — täglich grüßt das Murmeltier — alles auf Anfang. Beifall.

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