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Aachen: Kleine Helden auf der Insel der Seligen: Siegfried Lenz Roman „Fundbüro”

Aachen : Kleine Helden auf der Insel der Seligen: Siegfried Lenz Roman „Fundbüro”

Er brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen, hat Siegfried Lenz, der Doyen der deutschen Gegenwartsliteratur, einmal bekannt.

Viele dieser Geschichten hat der 77-Jährige uns mittlerweile erzählt: „Die Deutschstunde”, „Exerzierplatz” und zuletzt „Arnes Nachlass”.

Sein neuer Roman „Fundbüro” ist auch so eine Geschichte, mittels derer Siegfried Lenz versucht, die Welt zu verstehen - und uns in diesen Prozess einzubeziehen.

Um nichts mehr, aber auch nichts weniger als um „ein bestimmtes Mysterium des Findens, oder genauer, des Wiederfindens” geht es in diesem Buch.

Und um Henry Neff, der gerade einmal 24 Jahre alt ist, ein freundlicher Junge, obwohl er das schwarze Schaf der gutbürgerlichen Familie ist.

Denn er lebt auf etwas leichtem Fuße, ohne besonderen Ehrgeiz nach beruflich Höherem. Karriere interessiert nicht. Dafür Eishockey und Lesezeichen. Und so ist das bahnamtliche Fundbüro, in das er versetzt wird, genau die richtige Wirkungsstätte für ihn.

„Mir genügts, da zu bleiben, wo ich bin.” Er findet Gefallen und Erfüllung an seinem neuen Arbeitsplatz. Der Umgang mit den vielen unterschiedlichen Fundsachen, mehr noch aber mit den Menschen, die verlieren und wiederfinden, wird ihm zu einer Art Berufung.

Siegfried Lenz scheint eine besondere Sympathie für seinen Helden, der so gar nichts Heldenhaftes an sich hat, zu haben. Er beschreibt ihn mit warmherzigem Humor.

Auch ist dieser ungewöhnliche Schauplatz - das Fundbüro als literarischer Topos - ein genialer Einfall. In der ihm eigenen, ruhig-verhaltenen Weise erzählt Siegfried Lenz von den Ereignissen auf dieser „Insel der Seligen”.

Vom Schmerz über den Verlust und von der Freude über das Wiederfinden. Heute ist es der Messerwerfer, der sein „Handwerkszeug” verloren hat. Um den Besitznachweis zu erbringen, stellt sich Henry als Zielscheibe zur Verfügung.

Gestern war es die Puppe, deren Innenleben aus einer größeren Geldsumme bestand. Morgen ist es die junge Schauspielerin, die ihr Textbuch verloren hat und die von Henry gebeten wird, aus dem Theaterstück zu rezitieren. Das Fundbüro als Bühne des Lebens.

Und in der Tat: Es spielt sich noch viel mehr ab. So gibt es eine zarte, wohl nicht ganz ernstgemeinte Beziehung zwischen Henry und Paula.

Es gibt den Kollegen Bußmann, mit dem er zwischen all den Fundstücken schon mal ein Gläschen trinkt, und den alles verstehenden Vorgesetzten Hannes Harms, der dennoch manchmal aufhören möchte, „an die Normalität zu glauben”.

In diese Idylle greift brutal das Leben ein - in Person eines Sachverständigen, der im Auftrag der Bahn und im Zuge einer Strukturreform den Personalbestand prüft.

Schließlich müssen Mitarbeiter gehen, auch Bußmann. Es gibt aber auch ein Leben außerhalb des Fundbüros. So die Begegnung mit dem baschkirischen Wissenschaftler, die zu einer veritablen Freundschaft wird.

Oder die Begegnung mit den Motorradfahrern, die es darauf anlegen, als Bürgerschreck aufzutreten und brutal zur Sache gehen. Als es den baschkirischen Freund trifft, wird selbst Henry Neff zum Helden.

Eine schöne Geschichte, voller kleiner Anekdoten, mit viel hintergründigem Witz und menschlicher Anteilnahme geschrieben. Eben ein echter Lenz. Einschließlich einiger Defizite. So gelingt mal wieder nicht die Frauengestalt.

Die Beziehung zwischen Henry und Paula ist ohne Spannung. Manches gar klingt regelrecht betulich. Da ist von „kecker Heiterkeit” die Rede und „von kränkelnder Blässe gezeichneter Nudelsalat”. Und viele Sätze klingen eher altklug als weise.

Dennoch fügt sich dieser Roman nahtlos ein in die Lenzsche Werksgeschichte. Er ist zeitlos-modern, weil er von Menschen berichtet, die mit ihren Verlusten, Erwartungen und Ängsten leben müssen.