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Aachen: Klassik in Jeans und Pullover an der RWTH

Aachen : Klassik in Jeans und Pullover an der RWTH

„Wir sind gerne hierher gekommen und kommen gerne wieder.” Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch und das Sinfonieorchester Aachen besuchten beim ersten „Konzert ohne Frack” mit Werken von Beethoven und Bernstein die Aula der RWTH Aachen.

Zahlreich besetzten Studenten und Mitglieder des Lehrkörpers den Zuschauerraum und erlebten unter den ehrwürdigen, in Öl gemalten Rektoren-Portraits „Klassik zum Anfassen” in Jeans und Pullover.

Aus dem Jahresprogramm des Sinfonieorchesters wählte die Orchesterleitung für den ersten Teil des Abends Ludwig van Beethovens 4. Symphonie. Geeignet oder ungeeignet für ein vermutlich überwiegend technisch orientiertes Publikum?

Geeignet - denn diese Symphonie präsentiert in ihrer Konzeption die Schönheit der einfachen Dinge und auf welche Weise mit schlichten Elementen wie Tonleitern und Dreiklängen fantasievoll und espritreich ein Ganzes entstehen kann.

Da die Akustik der Aula nicht unbedingt auf die Wirkung von klassischer Musik abgestimmt ist, ließ Marcus R. Bosch das Sinfonieorchester in sicheren Gewässern arbeiten. Die Tempowahl verlief ambitioniert, fair und in natürlichem Fluss.

Die Dynamik pendelte differenzierend zwischen Mezzopiano und Fortissimo. Nach der Pause, in der Studenten und Musiker bunt gewürfelt die Stehtische in den Fluren besetzten, folgten die Symphonischen Tänze aus Leonard Bernsteins „West Side Story”.

Wer die legendäre Verfilmung dieser „Romeo und Julia”-Version in den Slums von New York tatsächlich nicht kannte, bekam Hilfestellung durch eine klare und nachvollziehbare, Inhalt und Musikstruktur kurz erläuternde Werkeinführung im Programmblatt.

Dass ein Dirigat nicht nur aus Taktschlägen und der Gabe von Einsätzen besteht, demonstrierte Marcus R. Bosch in charmant hinreißender Weise: Um die rhythmische Grundstimmung des Werkes erkennen zu wollen, musste das Augenmerk nur auf Boschs swingende Diagonale zwischen rechter Hüfte und linker Schulter gelenkt werden. Ohne in Hyperaktivismus zu verfallen, demonstrierte er in Haltung und Gestik das Lebens- und Musikgefühl der Welt junger Menschen.

Er motivierte sein Orchester zu temperamentvollen Verfolgungsjagden und mitreißenden Tanzrhythmen. Das Auditorium reagierte ebenfalls mit dem legendären Mit-Schnipsen der Jets im Prologue und mit unterstützenden „Mambo”-Rufen beim Tanzgefecht der rivalisierenden Jugendbanden.

In gleicher Intensität interpretierte das Orchester jedoch auch die melodiösen Klassiker wie das zart tanzende „Maria”, die realistischen Begleitdisharmonien im fragenden „Somewhere” und die kanonähnlichen Solomodulationen im schlichten „Theres one place for us”.

Besonders die gelungenen, krassen Wechsel zwischen Powerrhythmen und Gefühlswelt zeichneten die Aachener Interpretation von Bernsteins Komposition aus - und trafen eindeutig den Geschmack des Publikums.

Der Beifall war intensiv. Erst nach einer Zugabe des „Mambo” entließen die Zuhörer die Musiker und ermutigten dadurch die Orchesterleitung zu einer Weiterführung des Projektes „Konzert ohne Frack”.