Aachen: Klangliche Reize von entwaffnender Schönheit

Aachen : Klangliche Reize von entwaffnender Schönheit

Eine Haydn-Sinfonie als Aufwärmübung zum Auftakt eines Konzerts anzusetzen, zeugt von Mut. Erst recht, wenn man das Orchester und die Spielstätte nicht kennt. Marco Comin, Gastdirigent des 4. Sinfoniekonzerts im gut besuchten Aachener Eurogress, wagte das Risiko — und die Sache ging gut aus.

Haydns Musik verlangt einem Dirigenten mehr in puncto Tonbildung, Phrasierung und Klanggestaltung ab als eine monumentale Sinfonische Dichtung von Richard Strauss. Deshalb hätte es den Probedirigaten unserer GMD-Kandidaten gut angestanden, wenn wenigstens eine kleine Haydn-Sinfonie ihre Programme geziert hätte.

Marco Comin, der bisher in Kassel, Weimar, München und Budapest engagiert gewesen ist, knöpfte sich eine der großen „Pariser“ Sinfonien vor, die Sinfonie Nr. 82 C-Dur mit dem albernen Beinamen „Der Bär“. Ein Werk, das festlichen Glanz mit kammermusikalischer Delikatesse verbindet. Beides ließ Comin zu seinem Recht kommen. Moderate Tempi garantierten einen recht transparenten Klang, der sich lediglich an den dynamischen Höhepunkten verdickte, was man jedoch angesichts der akustischen Bedingungen keinem Gast übelnehmen kann. Ansonsten sorgte Comin für einen natürlichen Fluss der melodischen Abläufe, wobei dem kniffligen Allegretto ein wenig mehr rhythmische Prägnanz gutgetan hätte. So wirkte manches braver als nötig.

Von diesem Eindruck blieb auch Mozarts Doppelkonzert für Harfe, Flöte und Orchester nicht ganz verschont. Allerdings weniger durch Comin und das auf Samtpfoten begleitende Orchester als durch den gediegenen, aber auch etwas blassen Vortrag des Flötisten Francesco Camuglia. Freilich wurde das Werk wegen Erkrankung der ursprünglich vorgesehenen Harfenistin Teresa Zimmermann kurzfristig aufs Programm gesetzt. Emily Hoile, eine nicht weniger bekannte und kompetente Kollegin, konnte sich mit ihrem Instrument angesichts der sensiblen Orchesterbegleitung mühelos auch in einem großen Saal wie dem Eurogress durchsetzen.

Das spezifische Kolorit ihres Instruments konnte die britische Musikerin erst nach der Pause mit den kurzen, aber äußerst gehaltvollen Danse sacrée und Danse profane von Claude Debussy voll ausspielen. Zu hören war ein von faszinierender atmosphärischer Dichte getragener Vortrag voller klanglicher Reize von entwaffnender Schönheit.

Mit den Tücken der Musik des mährischen Meisters Leoš Janáek ist das Aachener Sinfonieorchester dank der Oper „Katja Kabanowa“ bestens vertraut. Die vom Janáek-Experten Charles Mackerras zusammengestellte Orchestersuite aus dessen Oper „Das schlaue Füchslein“ gebärdet sich in ihrer kleinmotivischen Anlage noch zersplitterter als die Oper. Keine leichte Aufgabe, die Musik zusammenzuhalten und gleichzeitig den unverkennbaren Ton von Janáeks Musik zum Klingen und in Einklang zu bringen.

Comin dirigierte recht straff, so dass sich die wenigen lyrisch aufblühenden Passagen nicht frei entfalten konnten. Dafür wirkten die vielen kleinen Motive sorgfältig ausgefeilt. Insgesamt fehlte es der Interpretation an Geschlossenheit, woran auch die nicht unproblematische Bearbeitung von Mackerras ihren Anteil tragen dürfte.

Das Publikum reagierte wie gewohnt mit großem Beifall.

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