Köln: Kinder vermitteln eindringliche Botschaft in der Kölner Oper

Köln : Kinder vermitteln eindringliche Botschaft in der Kölner Oper

Am 21. Dezember wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Die Kölner Oper nimmt das denkwürdige Datum zum Anlass, zusammen mit dem Ensemble MusikFabrik den Berliner Komponisten Helmut Oehring mit einem Musiktheater-Projekt zu betrauen, das an den Nobelpreisträger erinnern soll, der seit seinem Tod 1985 ein wenig aus dem Blickfeld geraten ist.

„Kunst muss (zu weit gehen)“ nennt Oehring sein andert-halbstündiges Projekt und bezieht sich damit auf die denkwürdige Rede Bölls zur Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses vor etwa 50 Jahren. „Nie kann die Kunst Ruhe geben“, gehört zu den Schlüsselsätzen der Ansprache, die, von Böll mit gewohnt sanfter Stimme vorgetragen, Proteststürme in etlichen Honoratiorenkreisen hervorgerufen hat.

Die Sprengkraft der Wortes

Es lohnt sich, daran zu erinnern, welche Sprengkraft leise, aber deutlich formulierte Worte entfalten können. Böll verteidigte seine Ansichten mit unerschrockener Konsequenz, trat aber niemals aggressiv in Erscheinung. Er hätte sich niemals dazu hinreißen lassen, einen braun gefärbten Bundeskanzler wie Kurt Georg Kiesinger zu ohrfeigen, wie es Beate Klarsfeld getan hat. Aber er schickte der Bürgerrechtlerin als Anerkennung 50 Rosen. Oehrings neues, jetzt in Köln uraufgeführtes Werk klingt entsprechend versöhnlich.

Der Komponist nennt es „Dokupoetisches Instrumentaltheater für 16 InstrumentalVokalSolistInnen, drei Sängerinnen, KindersolistInnen, vorproduzierte Zuspiele + Live-Elektronik“, dessen Libretto aus Sequenzen der Wuppertaler Rede, anderer Texte Bölls, aber auch aus autobiografischen Berichte einiger Mitwirkender zusammengesetzt ist. Der collagenhafte Charakter ist beabsichtigt, und das Ganze erinnert weniger an ein zusammenhängendes Theaterstück als ein Familientreffen zu Ehren eines großen Verstorbenen.

Einige Musiker einschließlich des Komponisten binden bewusst ihre zum Teil sehr kleinen Kinder in das Geschehen ein. Die Kinder malen, singen, kommunizieren mit den Instrumentalisten, greifen selbst zu einigen Instrumenten und ihr unbekümmertes Verhalten wirkt geradezu beklemmend, wenn Bölls Sohn René eingespielte Auszüge aus Bölls Kriegserinnerungen vorträgt. Eindringlicher lässt sich die Botschaft Bölls, alles zu tun, um Katastrophen wie die des 20. Jahrhunderts zu verhindern und unseren Kindern zu ersparen, kaum ausdrücken.

Dafür bedarf es keinerlei aggressiver Töne, die Oehring nur ganz selten einstreut. Stattdessen lässt er den exzellenten Musikern des Kölner Ensembles MusikFabrik viel Freiraum, mit mehr oder weniger improvisierten Soli quasi spielerisch in das Geschehen einzugreifen. Sei es als ein auf dem Boden liegendes Streichquartett oder als Tubist, dem ein kleines Mädchen einen Eimer Tischtennisbälle in die Röhre kippt.

Sphärisch entrückt

Oehrings eigene Klangschöpfungen, die durch instrumental geführte Vokalstimmen der fabelhaften Kölner Solistinnen Emily Hindrichs, Adriana Bastidas-Gamboa und Dalia Schaechter eine sphärisch weltentrückte Färbung erhalten, kombiniert Oehring mit Zitaten aus klassischen Highlights von Beethoven, Schubert, Mahler und Weill.

Und es sind immer wieder die stets anwesenden Kinder, die den gesprochenen und gesungenen Texten zusätzlichen Nachdruck verleihen. Nicht zuletzt Oehrings eigene zwölfjährige Tochter Mia, die mit ihrer klaren Stimme und ihrem wallenden Haar dem Untertitel des Projekts „oder Der Engel schwieg“ einen hintergründigen Akzent verleiht.

Insgesamt eine würdige Erinnerung an den großen Schriftsteller und Mahner, dessen Schriften und Reden bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Lang anhaltender Beifall des sichtlich beeindruckten Publikums im Kölner Staatenhaus.

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