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Genzlandtheater spielt Musicalklassiker „My Fair Lady“: Keine Folklore, aber mit einer Portion Lokalkolorit

Genzlandtheater spielt Musicalklassiker „My Fair Lady“ : Keine Folklore, aber mit einer Portion Lokalkolorit

Keine Sorge, Uwe Brandt hat nicht vor, ein neues Kapitel des Aachener Heimattheaters zu schreiben. „Die mundartlichen Produktionen überlassen wir gern anderen“, sagt der Intendant des Grenzlandtheaters Aachen vor der Premiere seiner Inszenierung des Musicals „My Fair Lady“.

„Aber das hindert uns nicht daran, unserer Eliza eine Persönlichkeit zu geben, die etwas mit Heimat und Bodenständigkeit zu tun hat.“ Brandt gibt im Gespräch mit unserer Zeitung zu: „Als Aachener und als jemand, der im Karneval gern mit Heimatsprache zu tun hat, schlägt mein Herz natürlich für unseren typischen Singsang.“ Die englischen Straßennamen bleiben aber erhalten. Aus der Wimpole Street 27A wird nicht plötzlich die Adalbertstraße, verspricht Brandt. „Das wäre Folklore.“

Den „Öcher Slang“ haben sich Karina Kettenis, die die Eliza spielen wird, und Gido Schimanski (Professor Higgins) in ihrer Schauspielausbildung tatsächlich mühsam abtrainieren. Dabei ist Kettenis (26) stolz darauf, ein „Öcher Mäddche“ zu sein. Und auch Schimanski (49) hat seine Herkunft nie verleugnet. Er ist international unterwegs, unter anderem in Film- und TV-Produktionen. „Im Alter von 17 Jahren bin ich nach München gegangen“, erzählt er. „Dort hielt man meine Aachener Sprachmelodie für einen Sprachfehler! Ich war so erschrocken und ging danach sofort in die Phonetik-Schulung.“

Nach einem fünftägigem Casting fand Brandt diese passende Besetzung. Karina Kettenis freut sich über die Gelegenheit, an „Heämet än Modderesproech“ zu denken, wie es der Aachener Mundartdichter Hans Kals einmal ausgedrückt hat. „Bei meinen Großeltern wurde Öcher Platt ganz selbstverständlich gesprochen, das war schön“, lächelt sie. „Sie waren Uröcher.“ Wenn sie nach Hause kommt, sagt sie noch immer eher „ich hab kalt“ statt „mir ist kalt“ oder „Erbeertörtchen“ statt „Erdbeertörtchen“.

Nicht konkrete Mundart-Vokabeln, sondern kleine, charmante Fehler in der Aussprache von „sch“ und „ch“ von „Fich“ (für Fisch) bis „Kirsche“ (für Kirche) streut Brandt ein, um die Personen authentisch zu zeichnen. „So ergibt sich ein Gefühl für diese Menschen“, sagt er. Dabei steckt im Libretto des Musicals – im Original schimpft Eliza in Cockney-Englisch, in der deutschen Fassung tritt sie als Berliner Göre auf – eine Botschaft, die er nicht ignoriert: Sprache als Schlüssel zur gesellschaftlichen Anerkennung – ist das alles, wie Higgins behauptet?

Zugleich ist „My Fair Lady“ die Karikatur der „besseren Gesellschaft“, in der das Prinzip „mehr Schein als Sein“ regiert. „Für Higgins ist die Arbeit mit Eliza ein Experiment. Ganz ehrenwert ist das nicht, zum Schluss lässt er Eliza ja sogar im Stich“, meint der Intendant, für den die unsterblichen Melodien und die flotten Szenen nicht über das grundlegende Thema hinwegtäuschen.

15 Akteure werden auf der Bühne sein, sechs Musiker (gut verborgen) sorgen unter der Leitung von Gero Körner für Live-Klänge. Brandt spielt dabei mit Parallelen. „Klar können wir nicht Ascot ins Grenzlandtheater holen“, meint er. „Aber Pferdetradition gibt es bei uns auch, vielleicht werden wir das Publikum sogar dazu auffordern, die Taschentücher wie zum Abschied der Nationen beim CHIO herauszuholen.“ Wer sich eine Kopie des Kinofilmmit Audrey Hepburn und Rex Harrison aus dem Jahr 1964 erhofft, wird übrigens enttäuscht.

Keine rauschende Bühnenshow

Die Produktion mit Aachener Flair, die dramaturgisch gestrafft wurde, will keine rauschende Bühnenshow mit ausladenden Hüten und großen Roben sein – dafür wäre auch kein Platz. Stattdessen kann man bei jedem Outfit etwas Britisches finden – und wenn es nur ein Flicken vom Tweed-Stoff ist. Wobei die Kostüme ein bisschen an Zirkus erinnern sollen. „Die Bühne ist schwarzweiß, fast wie in einem Comic“, verrät Brandt. „Farbe bringen die Menschen in die Geschichte.“ Ob das Experiment funktioniert? In Aachen würde man sagen: „Wenn jät fluppt, es alles jot“ – „wenn’s läuft, ist alles gut.“